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Karl Hafner

MUSICAL

Romance & Cigarettes

Telefonsex, Lungenkrebs, Mordfantasien, Gospelchöre, tanzende Müllmänner und shakende Polizisten sind nur einige der ungewöhnlichen Zutaten, die John Turturro in „Romance & Cigarettes“ (Koch Media) zu einem herzerwärmenden Musical vermischt. 2005 wurde der Film auf verschiedenen Festivals gefeiert, die Besetzung ist großartig, produziert wurde das alles von den Coen-Brüdern – und dann interessierte sich keiner mehr dafür. James Gandolfini spielt den Bauarbeiter Nick Murder, der seine Frau Kitty (Susan Sarandon) mit der Dessousverkäuferin Tula (Kate Winslet) betrügt. Irgendwann kommt das ans Licht, erotische Liebesbriefe lassen keinen Raum für noch so schlaue Lügen. Es ist ernst: Nick würde sich für Tula sogar beschneiden lassen. Bald hat nur noch sein Kollege Angelo (Steve Buscemi) ein offenes Ohr für Nick. Eine Katastrophe, dieses Liebesleben! Gesungen wird immer, wenn die Worte fehlen. Dann läuft der Original-Song im Hintergrund – etwa „Piece of My Heart“ von Dusty Springfield, „Hot Pants“ von James Brown oder „Trouble“ von Elvis –, während die Schauspieler mal mehr, mal weniger inbrünstig dazu singen.

Das ist alles höchst sentimental, aufreizend komisch, immer ordinär und mit derart viel Spaß am Anarchischen inszeniert, dass man Kleinigkeiten, etwa eine wenig stringente Dramaturgie, vor lauter Vergnügen übersieht. So schön könnte Kino sein – wenn solche Filme dort richtig präsentiert würden. Verstehe einer Hollywood!

THRILLER

Henry: Portrait of a Serial Killer

In den ersten Minuten dieses Films von 1986 (veröffentlicht bei Bildstörung) zeigt John McNaughton fünf starre Szenerien der Grausamkeit, fünf Bilder von Toten, die Kamera fährt langsam ins Bild. Dazwischen geschnitten sieht man Henry durch ein graues Chicago fahren, scheinbar ziellos und zufällig. Doch von Sequenz zu Sequenz werden seine Blicke fixierter, wird aus dem Herumfahren eine zielgerichtete Verfolgung: Was für ein Glück für die Frau, die gerade ihren Mann trifft und somit nicht mehr alleine ist! Henry wohnt mit Otis und dessen Schwester zusammen. Otis wird bald zum Mordkomplizen, während sich Becky in Henry verliebt. Sie glaubt ihm sogar, er hätte mit 14 Jahren seine Mutter ermordet – genreküchenpsychologisch eine berechtigte Antwort darauf, dass sie den Sohn einst missbraucht habe. Henry mordet, wie er atmet, völlig beiläufig. Das alles hier ist Tagesgeschäft. Als ob fehlendes Unrechtsbewusstsein das Falsche richtig werden ließe. Ursprünglich sollte „Henry“ nur einer dieser Low-Budget-Slasherfilme für den Videomarkt werden, doch dann entwickelte er sich zu einem höchst unangenehmen Meisterwerk. Hier gibt es niemanden, zu dem man halten könnte: kein braves Final Girl, keine exaltierte Scream Queen, keine Gruppe von Jugendlichen. Hier steht der Täter im Zentrum. Beinahe dokumentarisch geht es zu, ohne die Effekte des Exploitationkinos. Das Morden findet meist außerhalb des Bildes statt, doch schrecklicher und kälter kann ein Film kaum sein. Karl Hafner

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