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Karl Hafner

POLITTHRILLER

Der Spion, der aus der Kälte kam

In England scheint keine Sonne. In Martin Ritts Verfilmung des John-le-Carré-Klassikers „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (Winklerfilm) von 1965 besteht das Agentenleben jedenfalls aus einer Reihe von Trostlosigkeiten, Täuschungen und Enttäuschungen. Glamour sucht man vergeblich. Nach einer gescheiterten Mission in Berlin, bei der ein Verbindungsmann am Checkpoint Charlie erschossen wird, will Alec Leamas zurück ins Feld und wird beim Komplott gegen einen Ostberliner Topagenten eingespannt. Er soll eine gescheiterte Existenz simulieren, das schwache Glied in der britischen Geheimdienstorganisation, eine Art Lockvogel für die Kommunisten. Richard Burton spielt diesen Leamas beeindruckend destruktiv. Eine schillernde Figur: Dient die angebliche Tarnung vielleicht einfach nur der Legitimierung der Alkoholsucht? Ist das Agentenleben für ihn vielleicht nur der Versuch, aus einer persönlichen Hölle zu entkommen? Hier darf er Zyniker sein, hier sind alle so, es geht um Fressen oder Gefressenwerden, Loyaliäten haben keinen Platz. Selbst Ideologien sind nur ein Feigenblatt. Natürlich, wie so oft bei John le Carré, macht die Liebe alles noch schlimmer in diesem Meisterwerk von einem Agentenfilm, dessen düsteres Schwarz-Weiß den Kalten Krieg in eine Eiszeit verwandelt.

GANGSTERFILM

Black’s Game – Kaltes Land

In „Black’s Game – Kaltes Land“ (Kochmedia) aus Island machen mal wieder Drogen alles kaputt, was sie zuvor erst geschaffen haben. Regisseur Oskar Thor Axelsson erzählt in seinem flotten Debütfilm von 2012 die Geschichte einer Clique, die sich in den Neunzigerjahren nach und nach den gesamten Drogenhandel in Island unter den Nagel reißt und dabei ein schönes, wildes Leben führt, zumindest anfangs. Im Mittelpunkt steht der Student Stebbi, wegen seiner gewalttätigen Ader Psycho genannt. Alles beginnt wie immer mit einem Gefallen, den er erwidern muss: Nur mal eben zu dieser Wohnung fahren, nur etwas abholen. Schnell steigt Stebbi auf in der Dealer-Hierarchie und alles ist recht lustig, bis der sadistische, ewig in Schwarz gekleidete Bruno die Leitung der Organisation übernimmt. Produziert wurde der Film von Nicolas Winding Refn, ein wenig erinnert er an dessen Pusher-Trilogie. Aber hier glänzt vor allem die Oberfläche, schöner Schein zu cooler Musik, mit seltsamen Typen, deren Motivation aufgrund ihrer Skurrilität nicht weiter von Interesse ist. Ein mit seinen Zeitlupen, Spiltscreens und Spielereien, seinem Willen zum bloßen Style etwas aus der Zeit gefallener Film – auch wenn das Ende der Neunziger furchtbar hip war. Damals wäre „Black’s Game“ sicher ein Kulfilm geworden. Heute nur ein gekonntes Zitat einer Zeit, die eigentlich erst vorgestern war.

HISTORIENDRAMA

Wuthering Heights –

Emily Brontës Sturmhöhe

Wahrscheinlich hat die Welt nicht gerade darauf gewartet, dass jemand zum xten Mal „Wuthering Heights „ Emily Brontës Sturmhöhe“ (Prokino) verfilmt. Die Britin Andrea Arnold hat es 2011 dennoch getan und aus dem gerne zum HerzSchmerz-Kostümschinken verklärten Drama eine raue, bitterkalte Tour de Force gemacht. Musik etwa gibt es erst zum Abspann. Herrschaftlich und herzig ist hier gar nichts. Der ärmliche Hof in Yorkshire, in dem die Earnshaws wohnen, scheint im Schlamm zu versinken. Die Stube ist trostlos und zugig, die sozialen Beziehungen schon aufgrund der Enge angespannt. Zum Leben gibt es nur das Nötigste – und draußen frisst sich der Wind durch die Klamotten.

Hierher kommt Heathcliff, in dieser Verfilmung kein „Zigeuner“ wie im Roman, sondern ein Schwarzer, was ihn noch fremder erscheinen, den Rassismus noch deutlicher werden lässt. Heathcliff verliebt sich in Catherine, die Tochter des Hauses, und weiß doch, dass er sein ganzes Leben nur gegen Mauern laufen wird oder mit dem Kopf durch die Wand muss – mit schmerzhaften Folgen.

Gesprochen wird nicht viel: Arnold zeigt die Emotionen hinter den Bildern, verdichtet die Atmosphäre, durch Geräusche, Details. Gräser im Wind, Wolken, Schlamm am Rocksaum, Augen, Blicke, Gesten: Aus alldem komponiert sie das, was man gerne Seelenlandschaft nennt. Leider erlebte Arnolds Brontë-Verfilmung nur eine spärliche Kinoauswertung und ist auf der großen Leinwand doch besonders beeindruckend. Karl Hafner

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