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Karl Hafner

MITTELALTER-FILM

Escape – Vermächtnis der Wikinger

Regie: Roar Uthaug

Erst kommt die Pest und entvölkert das halbe Land. Dann kommen die Wegelagerer, und alles wird noch elender in diesem Film (Koch Media) des Norwegers Roar Uthaug, der 2006 durch das SlasherMovie „Cold Prey“ bekannt wurde. Auf der Flucht vor bitterer Armut wird die gesamte Familie der jungen Stigne bei einem Überfall niedergemetzelt. Nur Stigne selbst wird als Geisel genommen von jener finsteren Bande, die unter der Führung der grausamen Dagmar das Land terrorisiert. Ein schweres Schicksal droht Stigne – zudem wird sie zur Ersatzschwester der jungen Frigg, ebenfalls einer armen Seele. Doch Stigne gelingt die Flucht, und Frigg nimmt sie mit. Man kennt das aus unzähligen Genrefilmen – nur sind es hier zwei Frauen, die Jäger und Gejagte spielen im finstersten Mittelalter, keine muskelbepackten Barbaren. Was nicht heißt, dass hier nicht die Fetzen fliegen. Die raue Landschaft schon macht den Film sehenswert, der Soundtrack passt – und sogar die böse Dagmar bekommt noch so etwas wie traumatische Rechtfertigung für all ihre Gemeinheiten zugestanden. Die Atmosphäre ist düster, die Geschichte wird ohne jede Ironie in knappen 80 Minuten erzählt – und zugleich geht es wohltuend weniger blutrünstig und grausam zu wie – um einen naheliegenden Vergleich zu bemühen – in US-amerikanischen Rache-Filmen.

ARTHOUSE-SCHOCKER

Das Wunder von Mâcon

Regie: Peter Greenaway

Krankheit, Unfruchtbarkeit, Missgunst – eine Stadt wird heimgesucht zu Zeiten der Gegenreformation in diesem kontroversen Werk (Filmconfect) des Briten Peter Greenaway. Bei seinem Erscheinen 1993 fiel er bei Kritik und Publikum eher durch – zu drastisch, zu angestrengt, zu künstlich, das waren die Einwände; zu billig auch die antiklerikalen Effekte. Der Film ist eine Metafiktion, eine Theaterinszenierung im Palast des Cosimo Di Medici, in der jedoch Bühne, Hinterbühne und Zuschauerraum bald verschwimmen. Eine hässliche Frau bringt ein wunderschönes Kind zur Welt. Ein Wunder also! Schon gibt die 18-jährige Schwester des Kindes (Julia Ormond) es als das ihre aus und will es gar jungfräulich geboren haben. Bald segnet das Kind die Armen, die Armen zahlen, die Kirche will heftig mitverdienen, greift sich das Kind, und das Geschäft wird noch ein böses Stückchen perverser. Als das Kind ermordet wird, brechen alle moralischen Dämme – und der Film kulminiert in einer nicht enden wollenden Vergewaltigung, begangen nach sogenannten wissenschaftlichen Kriterien, wobei alles eigentlich als Teil nur einer Theaterinszenierung gedacht war. Am Ende ist jeder schuldig, ob auf der Bühne oder im Zuschauerraum. Wie die meisten Greenaway-Filme endet auch dieser im Horror. Masse, Macht, Glauben und blinder Gehorsam ergeben hier einen Wahnsinn, der lange in Erinnerung bleibt – auch jenseits der puren, vom Filmemacher gewollten Provokation.

AGENTENTHRILLER

The Berlin File

Regie: Ryoo Seung-wan

Berlin ist noch immer die Hauptstadt der Spione in diesem südkoreanischen Thriller und südkoreanischen Hit (Splendid) von 2013. Vor der Kulisse des Kalten Krieges trifft sich hier die halbe Welt. Der nordkoreanische Agent Jong-seong ist der einzige Überlebende einer Schießerei in einem Hotel, in dem sich verschiedenste Dienste mit Terroristen treffen, um über einen Waffendeal zu verhandeln. Und schon gerät der arme Mann zwischen die Fronten und unter Verdacht. Die eigenen Leute glauben ihm nicht. Ein Südkoreaner ist hinter ihm her. Zudem scheint auch Jong-seongs Frau, Übersetzerin an der koreanischen Botschaft, mehr mit der Sache zu tun zu haben – und spätestens hier wird es kompliziert. Wer hier wer ist, bleibt noch relativ klar, doch die Motive ändern sich ständig, zumindest aus Sicht des Zuschauers. Die gut inszenierten Actionszenen erinnern an die Pistolenballetts des Hongkong-Kinos, es gibt geheime Bankkonten, Verfolgungsjagden, Versteckspiele, doch im Kern geht es um Tieferes: um Betrug, Loyalität und Vertrauen, zwischen Jong-seong und seiner Frau – und zwischen den Agenten aus dem geteilten Korea. Das Ergebnis ist Entfremdung und Einsamkeit, verursacht durch die berufsbedingte Paranoia. Der Kalte Krieg endet nie, für Agenten jedenfalls. Karl Hafner

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