Kultur : NEU AUF DVD

Peter Laudenbach

POLITKUNST-DOKUMENTATION Ausländer Raus! Schlingensiefs Container. Regie: Paul Poet, 110 Min., Österreich 2005 . Die graubelockte Dame im biederen Blümchenkleid kennt keine Anstandsschranken mehr – und das liegt nicht nur daran, dass sie gerade zur Teilnehmerin einer Aktion von Christoph Schlingensief geworden ist. Ungehemmt gibt sie sich ihrem Hass hin und schreit, prächtig durchgeknallt, immer wieder dadaistische Parolen von vollendeter Sinnfreiheit: „Piefkes raus! Ausländer rein!“ Bald steigert sie sich in eine furiose Schlingensief-Beschimpfung, die an Doppelbödigkeit und Aberwitz nichts zu wünschen übrig lässt: „Du deutsche Sau! Du Künstler! Du deutsche Sau!“ Das muss der Augenblick gewesen sein, als Schlingensief wusste, dass seine Aktion funktioniert. Mit einer simplen Versuchsanordnung war es ihm gelungen, unzählige Passanten wie diese erzbrave Wienerin in einen mordlüsternen Mob von hohen Performance-Qualitäten zu verwandeln. Im Jahr 2000, die rechtspopulistische Haider-FPÖ war gerade Regierungspartei geworden, nutzte Schlingensief eine Einladung der Wiener Festwochen, um das Bild vom Kulturland Österreich nachhaltig zu stören. Er stellte vor der Oper einen Container auf, in dem eine Gruppe von Asylanten wohnte. Nach dem „Big-Brother“-Prinzip sollten die Österreicher jeden Tag ihre „Lieblings-Asylanten“ zur Abschiebung „rauswählen“. Auf dem Container prangten Schriftzüge, die formulierten, was FPÖ-Wähler dachten: „Ausländer raus!“ Es kam, was kommen musste: Wien drehte durch – und verwandelte sich in eine Schlingensief-Inszenierung. Ausländerfeindliche FPÖ-Politiker mussten sich plötzlich gegen die Parolen verwahren. Passanten mutierten zu Hardcore-Performern. Ein biederes Land verwandelte sich aufs unheimlichste zur Kenntlichkeit. Paul Poet hat das alles gefilmt und zu einem klugen und hochunterhaltsamen Dokumentarfilm montiert – die Psychoanalyse eines ganzen Landes, das sich beim Versuch, sein Idyll-Image zu verteidigen, in die verrücktesten Zustände deliriert. Die DVD wird so zum idealen Gedächtnismedium: Sie hält eine Aktion fest, die von spontanem Wahnsinn und Eigendynamik lebt. (Release-Party heute, 19 Uhr, am Mauerpark; Bernauer Str. 63-64)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben