Kultur : NEU AUF DVD

Christian Schröder

STUMMFILM Die Ehe im Kreise, Regie: Ernst Lubitsch (Arte/Absolut Medien) Der erste Zwischentitel sagt eigentlich schon alles: „Einige Tage und Nächte in Wien – immer noch die Stadt des Gelächters und der schnellen Romanzen.“ Man denkt an Schnitzlers „Reigen“, aber bei Lubitsch ist es eher ein heiteres Ringelreihen. Mizzi (Marie Prevost), mit einem gefühlskalten Nervenarzt (Adolphe Menjou) verheiratet, verliebt sich in den Gatten (Monte Blue) ihrer besten Freundin (Florence Vidor), die wiederum von einem schüchternen Dr. Müller (Creighton Hale) umworben wird. Die Männer tragen steife Hüte und gestärkte Hemden, die Frauen sind Vamps im Pelzmantel oder Heimchen mit Bubikopf. Es kommt zu einer Kette komischer, romantischer, tragischer Verwicklungen, bei der vorgetäuschte Herzattacken, heimlich zugesteckte Briefe und vom Balkon herabgeworfene Rosen eine Rolle spielen. Am Ende geht eine Ehe auseinander, die andere ist gerettet.

„Wahrscheinlich der schlackenloseste, der vollkommenste Film, der bis jetzt geschaffen wurde“, jubelte der Kritiker Herbert Ihering 1924 nach der Premiere. „Die Ehe im Kreise“, sein zweiter amerikanischer Film, gilt als die Komödie, mit der Lubitsch den „Lubitsch-Touch“ erfand. Vorher hatte er Klamotten wie „Kohlhiesels Töchter“ gedreht und bei Historien-Schinken wie „Madame Dubarry“ oder „Das Weib des Pharao“ Hunderte von Komparsen aufgeboten. „The Marriage Circle“ – so der Originaltitel – spielt nahezu ausschließlich in Innenräumen und kommt mit einer sparsamen Ausstattung und wenigen Dialogen aus. Ein erotisch aufgeladenes Kammerspiel, das die Eleganz späterer Lubitsch-Meisterwerke wie „Trouble In Paradise“ oder „Design For Living“ vorwegnimmt. Hitchcock und Chaplin haben den Film geliebt.

Der Lubitsch-Touch, das ist ein subtiles Spiel der Andeutungen. Der Regisseur macht den Zuschauer zum Komplizen, indem er ihn den Figuren immer einen Schritt voraus sein lässt. Daraus resultiert die Fallhöhe seiner Komik: Die Strategien der Liebes-Kombattanten werden durchschaubar, lautlos fallen die Intrigen in sich zusammen. „Die Schauspieler müssen nicht reden, die Dinge treten an ihre Stelle“, sagt der Filmhistoriker Patrick Brion, der mit seinem Kollegen Bernard Eisenschitz von der Cinémathèque Française im Extrateil der DVD den Film Einstellung für Einstellung seziert. Als ein Paar am Frühstückstisch einander näher kommt, zeigt Lubitsch die Hände der Liebenden, die mit Löffeln in den Tassen rühren, sich berühren, übereinander gelegt werden und dann aus dem Bild verschwinden, während die Kamera bei den Tassen bleibt. Lubitsch: ein Meister der Dezenz.

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