Kultur : NEU AUF DVD

Christina Tilmann

EPISODENFILM Halbmond, Regie: Irene von Alberti und Frieder Schlaich; Filmgalerie 451. 93 Min., 145 Min. Extras.

Es geht darum, den überlegenen Effekt von Cannabis gegenüber Alkohol zu zeigen, grummelt eine sonore Stimme im Off. Paul Bowles himself, in seiner Wohnung in Tanger, man sieht Altmännerhände auf der Schreibmaschine und Bücherstapel überall. Und dann erzählt der Meister der Beat- Generation die Geschichte von Lahcen und Idir, zwei Freunden am Strand von Merkala, die sich über einer Frau entzweien. Im Bonusmaterial kann man Bowles hören, wie er seine Erzählung 1978 fürs Radio liest. Doch der alte Bowles, wenige Jahre vor seinem Tod, ist noch viel eindrucksvoller.

Einer persönlichen Freundschaft entsprang das Filmprojekt „Halbmond“ von Irene von Alberti und Frieder Schlaich. Drei Episoden, 1992 bis 1994 je einzeln als Kurzfilm gedreht, nach drei Kurzgeschichten von Bowles. Der Meister steuerte jeweils eine kurze Einführung bei, die einzelnen Episoden sind elegante, stilsichere Bebilderungen der Geschichten. Das Freundespaar am Stand und in den engen Gassen von Merkala, ein junges Paar auf Hochzeitsreise auf dem Amazonas, ein kleiner Junge, der ausgestoßen am Rande eines Wüstendorfs lebt und sich irgendwann in eine Schlange verwandelt.

Und dann sieht man, im Bonus-Track, der Bowles zudem als Komponist würdigt, den alten Guru Bowles selbst, wie er hingerissen mit einer Schlange spielt. Und Weggefährten, der erste Chauffeur, ein befreundeter Autor, ein Liebesgefährte, berichten vom damaligen Leben. Davon, wie Bowles auf den Basaren und in den Cafés von Tanger die Geschichten der Straße aufliest und ihre hübschen, barfüßigen, analphabetischen jungen Erzähler gleich dazu, wie er seinem Chauffeur eine Phantasie-Uniform anpasst und seine unglückliche Frau Jane einsam auf einer Party sitzt, während ihr Mann gemeinsam mit seinem jungen Geliebten in die Berge gefahren ist.

Es sind durchaus nicht unkritische Töne, diese Erinnerungen der Freunde. Egoismus werfen sie Paul Bowles vor, und dass er sich zwar vielleicht für Marokko, niemals aber für die Marokkaner interessiert habe. Ähnliches könnte man den beiden Filmemachern vorwerfen – und doch haben sie Bowles mit „Halbmond“ ein bewegendes Denkmal gesetzt haben. „Was willst du eigentlich, die Touristen hier kommen doch alle nur wegen Paul Bowles“, sagt ein Hotelmanager einmal. Das gilt auch für Kinobesucher und DVD-Käufer.

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