Kultur : NEU AUF DVD

Christian Schröder

KRIMI Die Sherlock Holmes Collection Teil 1; Sherlock Holmes – Die komplette zweite Staffel . Koch Media „Bestellen Sie schon mal eine Kutsche, mein Lieber!“ – „Jetzt sofort!?“ – „Ja, und lassen Sie unsere Koffer packen!“ In der britischen Fernsehserie der achtziger Jahre behandelt Sherlock Holmes seinen Assistenten Dr. Watson mitunter so wie Derrick seinen Harry: als Handlanger, der sich auch für einfachste Botendienste nicht zu schade sein darf. Jeremy Brett stattet den Meisterdetektiv mit der Eiseskälte eines Mannes aus, dessen Denkvermögen so scharf ist, dass man sich daran schneiden kann. Im Vorspann, wo Holmes wächsernes Profil hinter einem Fenster seiner Wohnung an der Londoner Baker Street 221b ins Bild rückt, wirkt er wie ein Raubtier. Wenn er zu seinen Schlussfolgerungen ansetzt, den berühmten „Deduktionen“, steht David Burke – er wurde später durch Edward Hardwicke ersetzt – als schnauzbärtig-jovialer Dr. Watson staunend daneben. Die elf Holmes-Episoden aus den Jahren 1986 bis 1988 zeigen das viktorianische Fin-de-Siècle-England als Reich von Dekadenz und Abgründigkeit. Degenerierte Adlige mit überlängten Gesichtern scheinen aus Gainsborough-Gemälden entsprungen, Herzogssöhne werden von ihren Halbgeschwistern entführt, im Moor liegen Leichen. Die Serie prunkt mit ihrer erlesenen Ausstattung, die Kamera kann sich kaum sattsehen an den Details, fährt suchend herum zwischen Fußspuren, Kaminuhren, Familienbildern und macht damit den Zuschauer selbst zum Ermittler.

Von derlei Dynamik sind die Sherlock-Holmes-Kinofilme, die Twentieth Century-Fox in den dreißiger und vierziger Jahren drehte, weit entfernt. Wie in einem Whodunit-Theaterstück versammeln sich alle Verdächtigen dort gerne im Schlussbild, auf dass ihnen der Meisterdenker die Lösung des Falls offenbare. Kein anderer Darsteller wusste das Künstlerische in Holmes so gut zu verkörpern wie Basil Rathbone. Sein Haar hängt lässig in die Stirn, auf dem Höhepunkt des Grübelns zieht er sich im Morgenmantel zurück, um stundenlang die Geige zu traktieren. „Gekratze“, schimpft Dr. Watson, in Person von Nigel Bruce ein Dickerchen wie aus einer Boulevardkomödie. Die Box versammelt vier Filme, in „Stimme des Terrors“ und „Die Geheimwaffe“, Film Noirs voller spätexpressionistischer Licht- und Schattenspiele, bekommt es das Gespann mit den Schlimmsten aller Gegner zu tun: den Nazis. Beide DVD-Pakete haben ihre Meriten. Welche besser ist? Schwer zu sagen. Um es mit einer Holmes’schen Lieblingswendung auszudrücken: ein Drei-Pfeifen-Problem.

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