Kultur : NEU AUF DVD

Sarah Hofmann

KINOLATINO Sábado /Junta / Das letzte Kino der Welt / B. Aires. 4 DVDs. flaxfilm. Eigentlich ist Gabriel nur Antonias Nachbar, er kennt sie kaum. Als sie ihm aber heulend berichtet, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, heute heiraten wird und sie der Braut das jetzt erzählen muss, die langjährige Affäre und was für ein Schwein Victor ist, da bietet Gabriel sofort an, alles zu filmen. Als Beweis – und als Übung, denn er ist Filmstudent. Hält also die Kamera auf Antonia, 65 Minuten lang, ohne Schnitt. Echtzeit.

„Sábado. Das Hochzeitstape“ des Chilenen Matías Bize ist die bisher vierte DVD des neuen Labels „Kinolatino“. Drei argentinische Filme gingen dem voraus: „Das letzte Kino der Welt“ von Alejandro Agresti, „B. Aires“ von Ariel Rotter und „Junta. Garage Olimpo“ von Marco Bechis. Garage Olimpo, das ist das Konzentrationslager von Buenos Aires, in dem die 18-jährige Maria während der Militärdiktatur verschwindet. „Desaparecidos“, die Verschollenen, nennen Argentinier die 30 000 Menschen, die von 1976 bis 1982 entführt, gefoltert und von Flugzeugen aus ins Meer geworfen wurden.

Lateinamerika: Das muss nicht immer die Fabulierlust im Stil des Magischen Realismus sein. Das neue Kino setzt auf semidokumentarische Effekte – und reinszeniert so auch die Wunden seiner jüngeren Geschichte. „Kinolatino“ legt Filme neu auf, die in Deutschland oft nur kurz oder in kleinen Kinos zu sehen waren. Mit Bonusmaterial, Interviews und Making-of – und dem Diskussionsraum im Portal www.kinolatino.de.

Die Gemeinsamkeit des Quartetts? Gefühlte Authentizität. In gleich drei Filmen geht es um jemanden, der Regisseur werden möchte. Drei Filme sind mit Handkamera gedreht, mit Ausnahme von „Junta“ – und doch verarbeitet auch Bechis nicht nur die Erinnerung an seine Haft, sondern holt weitere Überlebende ans Set und lässt sie die Kleidung der „desaparecidos“ tragen. Matías Bize wiederum veränderte während des „Sábado“-Drehs Details, um die Schauspieler nach den Proben noch einmal zur Improvisation zu zwingen. Selbst der Ton wurde nur übers Kameramikrofon aufgenommen. Alles gerade wie beim Homevideo – perfekt erfunden, täuschend echt.

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