Kultur : NEU AUF DVD

Christian Schröder

STUMMFILME Blind Husbands, Edition Filmmuseum. Piccadilly, Absolut Medien.

Das Erste, was man von Erich von Stroheim in „Blind Husbands“, seinem Regiedebüt aus dem Jahr 1919, zu sehen bekommt, ist sein lüsterner Blick aus zusammengepressten Augen. Er hat seine Offizierskappe tief in die Stirn gezogen, in den behandschuhten Händen hält er das obligatorische Monokel, der Blick gilt den langen Beinen einer Arztgattin, die ihm in einer Kutsche, unterwegs in den Alpen-Urlaub, gegenübersitzt. In Deutschland lief der Film unter dem Titel „Du sollst nicht begehren“, in Österreich hieß er „Die Rache der Berge“. Das sagt eigentlich schon alles über die Handlung. Es geht um einen schneidigen Verführer, der sich an eine vernachlässigte Ehefrau heranmacht und dafür am Ende vor beachtlicher Bergkulisse von der Natur bestraft wird.

Eine plumpe Story, die mit rustikalen Requisiten und sepplhaften Nebenfiguren fast volkstheaterhaft erzählt wird. Doch das Spiel der Augen, Hände und Andeutungen in dem vom österreichischen Filmmuseum vorbildlich restaurierten Klassiker ist wunderbar. Stroheims Figur wird als „Hochstapler, der die Uniform benutzt, um so leichter seine Gaunereien begehen zu können“, eingeführt. Ähnliches könnte man dem Schauspieler nachsagen. Er war weder adlig, noch hatte er, wie behauptet, als Offizier in der k.u.k. Armee gedient. Trotzdem nannte man ihn in Hollywood schlicht „Von“, und Stroheim machte als „The Man You Love to Hate“ Karriere.

Zehn Jahre genügten in der Frühphase des Films für revolutionäre ästhetische Umwälzungen. Während in „Blind Husbands“ die Kamera noch am liebsten statisch in Totalen auf die Szenen blickt, ist sie in dem englischen Krimi „Piccadilly“, 1929 vom deutschen Regisseur Ewald André Dupont inszeniert, schon völlig entfesselt. Sie wird auf die Plattform einer fahrenden Straßenbahn gestellt, tanzt mit den elegant gekleideten Gästen eines Art-Deco-Varietés Walzer und schaut den Beinen einer schönen Frau in steiler Untersicht auf einer Wendeltreppe hinterher. Die Beine gehören einem – so der Zwischentitel – „Chinesenmädchen“, das im Varieté von der Tellerwäscherin zur Tanzattraktion aufsteigt, dem Clubbesitzer und etlichen anderen Männern die Augen verdreht und damit Mord und Totschlag auslöst.

Die Schauspielerin Anna May Wong schaffte mit dem Showbiz-Melodram den Sprung zum ersten asiatischen Star des westlichen Stummfilms. In Deutschland stand „Piccadilly“ lange im Schatten von Duponts Erfolgen „Die Geier-Wally“ (1921) und „Varieté“ (1925). Dabei ist der Film ein visuelles Meisterwerk, das schon bei den Vorspanntiteln mit einem Gag glänzt. Sie sind auf die Werbebanner von Doppeldeckerbussen montiert, die am Piccadilly Circus vorfahren. Bitte einsteigen.

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