Kultur : NEU AUF DVD

Jan Schulz-Ojala

EDITION JACQUES RIVETTE Die schöne Querulantin. Die Viererbande. Die Geschichte von Marie und Julien. Flaxfilm Diese Hand! Man könnte sagen: Sie fuchtelt. Aber nein, sie tanzt, tippt auf, immer dicht neben der Teetasse, sie wedelt ab, jagt herum zwischen Gesicht und Kamera, will das alles hier verwischen, das Redenmüssen mit einer jungen Fremden, die so merkwürdige Fragen stellt, das unerhörte Angegucktwerden von einer Kamera. Und erst die Augen! Kurzer, kalter Blick sehr seitwärts, wenn eine Bemerkung nicht passt, und ansonsten eher abwesend, flüchtend auch in eine Art Lachen ab und zu. Und immer sehr allein.

Zu feiern wäre hier: die schöne Edition mit drei Jacques-Rivette-Filmen, original und synchron, der beigelegte Mini-Reprint des legendären „du“-Hefts über Rivette von 1994, und überhaupt der tolle Ehrgeiz, den großen Sonderling der Nouvelle Vague und unbeirrbaren Superlangfilmer Jacques Rivette auch hierzulande behutsam zu popularisieren. Aber dann: sein Interview auf der Bonus-DVD. Ein Ereignis. Eine Unsichtbare, eine Stimme besucht den öffentlichkeitsscheuen Seelenausforscher in einem Pariser Café und umschleicht zugleich sanftmütig und entschieden sein elfenbeinturmhohes Gehäus – und heraus kommt eine einzige, mal panische, mal verschmitzte, durchaus wortreiche Verweigerung. Dabei ist es seine DVD, dabei geht es um ihn, dabei könnte er hier Werbung machen, ja, ganz und gar ungestört PR-Mann sein in eigener Sache! Doch die Operation gerät vom Start weg in philosophisch-komödiantische Untiefen, ins Strudeltrudeln, als gäben Wörter sowieso nichts her, ja als entzöge man sich eigentlich, sobald man sich offenbar zu offenbaren beginnt. Ein kurioses, hochspannendes 40-MinutenSpiel, und erst nach 21 Minuten wagt Rivette den ersten, hastigen Schluck Tee.

Und ein zweites Interview gibt es, mit Emmanuelle Béart, die vor 15 Jahren von Rivette entdeckt wurde und zu sich selbst geführt und dargeboten in unwiederholbar königlicher Nacktheit („Die schöne Querulantin“; die Box enthält die Langversion und das „Divertimento“) – und zwölf Jahre später hat er sie noch einmal, etwas unglücklicher, gestellt in der „Geschichte von Marie und Julien“. Ein Viertelstündchen nur, und die schöne, noch immer glühende Béart spricht konzentriert und sehr offen über das Nacktsein für Rivette, das so anders sei als für andere, schließlich sei sie für ihn immer wie der Körper, in dem er sich ausdrücke, seinen Willen, seine Unruhe, seine Seele, seine Einsamkeit. Nein, sie sagt es nicht wörtlich so, aber sie meint es. Schade, dass Rivette nicht dabei ist, als sie das sagt; vielleicht käme er an Béarts beherrschter Eindringlichkeit selber zur Ruhe, für einen Augenblick.

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