Kultur : NEU AUF DVD

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DOKUMENTARFILM Ein Traum von Kabul, Regie: Wilma Kiener und Dieter Matzka. 80 Min., absolutmedien In den siebziger Jahren zogen Tausende von Hippies durch Asien – auf der Suche nach Sinn. Ein beliebter Zwischenstopp war die afghanische Hauptstadt Kabul – man kam dort sowieso vorbei, wenn man nach Indien wollte. Natürlich sei damals alles ganz toll und aufregend gewesen, erzählen ehemalige Afghanistanfahrer den Filmemachern Wilma Kiener und Dieter Matzka. Nur manchmal klingt in deren Dokumentarfilm „Ein Traum von Kabul“ auch an, dass es für viele ein Horrortrip gewesen sein muss. 1995 fuhren Kiener und Matzka noch einmal nach Kabul, um nach Überbleibseln der Hippiebewegung zu suchen. Es gab nicht mehr viele. Afghanistan war ein anderes Land geworden.

Doch auch das Afghanistan der Hippies war anders als das Land, das sie Jahre später mit glänzenden Augen beschreiben. Matzka hat bereits 1972 in Afghanistan gefilmt. 70 000 junge Menschen fuhren damals dorthin und fanden vermeintlich paradiesische Verhältnisse: Man musste nicht arbeiten, konnte überall Drogen kaufen – und freundlich waren die Leute auch noch, trotz ihrer Armut! Die Aufnahmen von damals zeigen eine andere Welt; traumhaft ist daran rein gar nichts. Spirituelle Erleuchtung zum Beispiel bedeutet: Spritze im Arm. Irgendwie sensitiver sei dann alles, stammeln sie dennoch und zupfen planlos auf Musikinstrumenten herum. Etliche starben damals in schmutzigen Zimmern an Überdosen oder an Hepatitis.

Traum und Wirklichkeit sind selten deckungsgleich. Das ist banal, doch hier wird es besonders drastisch deutlich. Natürlich denkt man, wenn man den Film zehn Jahre nach der zweiten Kabulreise der Filmemacher sieht, auch an die Zeit danach: an das Taliban-Regime und den Krieg nach dem 11. September.

So ist „Ein Traum von Kabul“ auch auf einer weiteren Ebene desillusionierend. Stolz zeigen die Bewohner den Filmemachern 1995 ihre gerade wiedereröffnete Universität. Viele Frauen studieren dort, man ist zuversichtlich und träumt vom Ende des Bürgerkriegs. An die Hippies erinnerte man sich 1995 nicht gerne. Es war eben eine andere Zeit.

Heute ist kaum noch vorstellbar, dass es dort überhaupt jemals Hippies gab. Vielleicht findet man noch ein paar Holzkreuze, die an die Drogentoten erinnern – neben all den neuen Gräbern Kabuls, in denen die zerstörten Träume von 1995 begraben liegen. haf

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