Kultur : NEU AUF DVD

Sebastian Handke

HITLERFILM Moloch. Regie: Aleksandr Sokurow (mit russischen Darstellern, mit deutschen Sprechern synchronisiert; zurzeit nur über Frankreich zu beziehen, etwa fnac.com oder dvdfr.com) Hitler kackt. Hitler schläft am Tisch ein. Hitler schämt sich im Bad (und verweigert sich im Bett). Hitler beim Picknick. Hitler als Hypochonder. Hitler wild gestikulierend zu Beethovens Neunter. Den Führer als Privatmann zu zeigen, daran wagte sich acht Jahre vor Dani Levys „Mein Führer“ schon der russische Regisseur Aleksandr Sokurow („Russian Ark“). Mit seinem rätselhaften Film „Moloch“ beginnt seine Trilogie der Diktatoren, die er später mit „Taurus“ über Lenin und „Sonne“ über den japanische Kaiser Hirohito vervollständigte. In einer poetischen, zeit- und raumenthobenen Ästhetik der Verfremdung zeigt „Moloch“ vierundzwanzig Stunden im Leben von Eva Braun und Adolf Hitler: „Adi“ (Leonid Mozgovoy) trifft mit Hinkefuß Goebbels, seiner blonden Maria sowie Martin Bormann auf dem Obersalzberg ein, wo Eva (Elena Rufanova, mit der Stimme von Eva Mattes) schon auf ihn wartet und sich die Zeit mit Bodenturnen vertreibt. Es wird diniert: Brennnesselsuppe auf Geheiß des empfindlichen Vegetariers. Hitlers Adjutanten belauern sich gegenseitig bei Wortklaubereien und belanglosen Tischgesprächen, während Adi selbst schnarchend im Sessel zurücksinkt. Einmal – ups! – entfleucht Eva das Wort Auschwitz, worauf sich Adi sehr verwirrt zeigt. Überhaupt, die Eva: Sie ist der einzige Mensch zwischen Scheintoten. Sie sorgt für Dialogspitzen, an die sich Helge und Dani wohl nicht wagen würden. Zum schwitzenden Martin Bormann sagt sie: „Sie riechen ja wie Senfgas.“

Sokurows großartig verstörender Film, der in Cannes 1999 für sein Drehbuch ausgezeichnet wurde, basiert auf Protokollen von tatsächlichen Tischgesprächen. Hier demaskieren sich der Erhabenheitsdünkel, das lächerliche Ringen um Tiefe, das hohle Pathos in der Sprache des Nationalsozialismus selbst – als leeres Geschwätz und groteske Sprachlosigkeit. Hitlers Urlaub vom Tausendjährigen Reich verwandelt selbiges in eine Kleinbürgergroteske – ohne dem Zuschauer ausgedünnte Küchenpsychologie oder gar Mitleid mit dem Führer aufzunötigen.

FUSSBALLFILM Profis – Ein Jahr Fußball mit Paul Breitner und Uli Hoeneß (1978/79) Regie: Christian Weisenborn, Michael Wulfes (Diggler Films) Schwer zu entscheiden, ob Sepp Maier hilflos oder einfach nur amüsiert ist, wie er da am Spielfeldrand steht und ein Zaungast ihm seine Analysen aufzwingt. „Fußball ist nix anderes mehr als Mafia“, regt sich der Mann mit dem Hütchen über die Verpflichtung von Paul Breitner auf. Der FC Bayern hatte den Fußballer gerade für die heute lächerlich klingende Summe von knapp zwei Millionen Mark eingekauft. Das war mal viel Geld. Damals in der Saison 1978/79, als der Fußball erst auf dem Sprung zum großen Geschäft war und die Filmemacher Christian Weisenborn und Michael Wulfes ein Jahr lang die Spieler Paul Breitner und Uli Hoeneß mit der Kamera beobachteten – im Trainingslager, auf dem Platz, in ihren Wohnungen.

Für die Bayern war es eine turbulente Saison. Der Verein hatte Schulden, keinen Erfolg, auf halbem Weg wurde Trainer Gyula Lorant gefeuert, der Nachfolger Max Merkel von der Mannschaft boykottiert, schließlich trat Präsident Neudecker zurück. Mit Interviews, TV-Ausschnitten und Zeitlupenaufnahmen von Spielen begleitet die Dokumentation die Langeweile im Trainingslager und den Dauerkrach zwischen Lorant und Breitner ebenso wie Hoeneß’ Zickzackkurs von der Bayern-Ersatzbank, auf die der Trainer den Weltmeister von 1974 im Streit verbannt hatte, zum Manager des Vereins noch in derselben Saison. Dass die Regisseure mit den Spielern befreundet waren, verhilft dem Film oft zu amüsanten Szenen. Etwa wenn Hoeneß und Breitner nackt im Hotelbett darüber räsonieren, wie sehr ihr Zusammenleben dem eines alten Ehepaares gleicht. Höhepunkt aber sind fraglos die Aufnahmen, in denen Breitner mit einem angeklebten Mikrofon ein Spiel bestreitet und jedes Stöhnen, jedes Fluchen zu hören ist. Näher dran waren die Zuschauer nie (Mikros auf dem Sportplatz wurden später verboten). Schon gar nicht bei Sönke Wortmanns „Sommermärchen“, das gegen dieses Dokument, das die Anfänge des Fußballgeschäfts authentisch nachzeichnet, vor lauter Begeisterung betriebsblind wirkt. Ähnlich blind wie Breitner, der sich noch mitten in der Saison nicht vorstellen konnte, dass Kollege Hoeneß einmal Manager eines Bundesligavereins werden könnte. Er wurde und blieb es – bis heute. Moritz Honert

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