Kultur : "Neu!": Hallogallo auf der Autobahn

Ralph Geisenhanslüke

Drrt. Drrrt. Drrrrt. Endlich! Der Presslufthammer bringt die Befreiung. Zwei Nächte hocken die beiden Musiker schon zwischen den Aufnahmegeräten. Langsam hat sich der "Studio-Koller" breitgemacht: die nagende Unruhe, wenn man merkt, dass die kostbare Zeit davon läuft und noch nichts wirklich Zufriedenstellendes auf dem Tonband ist. Endlich, mit dem Stück "Negativland " - das mit dem Presslufthammer im Intro - löst sich die Ladehemmung.

Tonband? Genau. Wir schreiben das Jahr 1971. Die beiden Musiker - nennen wir sie den Klaus und den Michael - haben ihr letztes Geld zusammengekratzt, um wenigstens die Nachtschichten im Studio bezahlen zu können. Sie haben weder einen Plattenvertrag, noch eine allzu genaue Vorstellung von dem, was entstehen soll. Michael, der Gitarrist, ist 21 und hat gerade sein Psychologiestudium geschmissen. Klaus, der Schlagzeuger ist fünf Jahre älter. Er hat sich zwei Semester vor dem Abschluss von der Architektur abgewandt. Kennen gelernt haben die beiden sich in einer Band, deren Name damals den meisten Zeitgenossen sehr befremdlich schien: Kraftwerk.

Klaus und Michael haben die Band gerade - nach etwa einem Jahr - verlassen. Wenn man hört, was sie gerade hier mitten in der Nacht in einem Studio in Hamburg mit dem Toningenieur Conrad Plank aufnehmen, versteht man auch, warum. Während Kraftwerk konsequent den Gedanken der Elektrifizierung und Reduktion verfolgen, beschreiten Klaus und Michael seltsame Wege in ein explodierendes Sound-Universum. Neu und ungehört soll alles klingen. Deshalb nennen sie sich auch so. Und schreiben sogar noch ein Ausrufezeichen dran. Das strahlt Optimismus und Tatendrang aus. Nur gerade haben sie sich ein bisschen verlaufen. Irgendwo zwischen all den manipulierten und obskuren Instrumentalstimmen, den Feedback- und Rückwärts-Einspielungen, an denen sie herumprobieren. Bis endlich mit "Negativland" der Weg frei wird für einen Klassiker der deutschen Rock-Musik.

Ein Klassiker, den in Deutschland kaum jemand wahrnimmt. International allerdings fallen die Reaktionen euphorisch aus. Brian Eno erklärt später das Schlagzeugsspiel von Klaus zu den größten rhythmischen Errungenschaften der Siebziger. David Bowie war "completely seduced" von ihnen. Jahre später wird Damon Albarn, Sänger der britischen Band Blur von dieser Musik sagen: "Durch sie stelle ich mir Deutschland wie eine tausend Meilen lange Autobahn mit weißem Sand vor, an der Lautsprecher in Bananenbäumen hängen. Ich denke nicht an Bratwurst und Radarfallen."

Was hatten Klaus und Michael angestellt? Sie hatten sich, ihren Eingebungen und vielen Zufällen folgend, an ihren eigenen Sound herangetastet. "Wir waren immer nah am Abgrund", sagt Michael heute. Aber im Morgengrauen nach der vierten Nacht war das Grauen vorbei und die Aufnahmen wurden an das Label "Brain" verkauft. Kaum veröffentlicht, hagelte es Kritik: Das klang doch nicht international. Wo war der Gesang? Und überhaupt: der Bass? In den Siebzigern wurden solche Ansätze, ebenso wie die von Can oder Faust, manchmal als "Krautrock" abgetan. Heute, dreißig Jahre nach der Veröffentlichung, ist das anders. "Neu!" wurde vor allem bekannt durch das kurz darauf entstandene Stück "Hallogallo": zehn Minuten treibender Schlagzeug-Beat unter einem verschlungenen Gewebe von Gitarren-Riffs. "Eine lange Gerade" wie Dinger es nennt, die sich freiläuft von den Konventionen des Song-Writing. In diesen zehn Minuten sehen Engländer, Amerikaner, Japaner einen Meilenstein. Knapp 40 000 Stück waren von dem Debüt verkauft, als die Plattenfirma das Album Anfang der achtziger Jahre vom Markt nahm. Bis dahin hatten Klaus und Michael zwei weitere Alben veröffentlicht, waren aber allmählich aus der Wahrnehmung verschwunden. Die Punk-Explosion fegt alles, was nach Hippie riecht, aus den Regalen. Neu! bleibt ein Name für Kenner, eine hoch gehandelte Rarität.

Wir schreiben das Jahr 2001. Aus Klaus und Michael sind Herr Dinger und Herr Rother geworden. Herr Rother hat gerade die alten "Neu!"-Platten als CDs im Laden gesehen: "Ein Gefühl wie Weihnachten". Denn hinter ihm, Herrn Dinger und einem Herrn Grönemeyer liegt eine der größten Anstrengungen der jüngeren Musikgeschichte. Grönemeyer? Genau der. Herbert Grönemeyer hat etwas gewagt, was viele in der Musikbranche für unmöglich hielten. Er hat zwei legendäre Streithähne zusammengeführt. Denn Herr Rother und Herr Dinger sind sich schon lange nicht mehr grün. Schon zu Anfang ihrer Arbeitsbeziehung sei nach dem Musikmachen "tote Hose" gewesen, sagt Klaus Dinger. Auch Michael Rother räumt ein, man sei sich niemals nah, die Spannung aber sehr produktiv gewesen. Hinzu kamen im Lauf der Jahre Streitigkeiten um Veröffentlichungsrechte, einstweilige Verfügungen gegen Plattenfirmen und fortschreitende Zerrüttung. Daran scheiterte jeder, der beabsichtigte, die drei Neu!-Alben wieder zu veröffentlichen: Daniel Miller vom britishen Label Mute, Tim Renner von Universal aus Hamburg und noch ein paar andere. Herbert Grönemeyer hat in geduldigen Einzelgesprächen wie ein Unterhändler vermittelt und bringt Rother und Dinger nun auf seinem eigenen Label "Grönland" heraus. Die internationale Fachpresse von "New Musical Express", "Mojo" bis "Wired" feiert eine editorische Sensation.

Doch Rother und Dinger finden es noch immer schwer, sich an einen Tisch zu setzen. Zu schwer wiegt beispielsweise der Vertrauensbruch, dass Dinger "semi-legal", wie er es nennt, das unvollendete vierte Album in Japan veröffentlichte - mittlerweile unter Sammlern heiß begehrt -, worauf sich die beiden Neutöner erneut überwarfen. In "Neu 4" steckte mehr Zeit als in den drei vorherigen Alben zusammen - doch so richtig plagt Dinger das Gewissen offenbar nicht. Noch heute spricht er vom "Genie und dem Gitarristen" und stellt Rother, der sich auf einem Bauernhof an der Weser niedergelassen hat und dort in seinem Studio eine Reihe von Film-Musiken und erfolgreichen Solo-Alben produzierte, gern als braven Arbeiter dar. Während er, "durch mehr als 1000 LSD-Trips gereift", sich als "Total Artist" bezeichnet. Schwierigkeiten, sagt Dinger, hätten ihm seine Freizeitgewohnheiten aber nur einmal bereitet: 1972, als er - bei einem der wenigen Konzerte von Neu! - schon auf der Bühne stand, sei es ihm erschienen, als wölbe sich die Saaldecke herab. "Da musste ich erstmal an die frische Luft".

Erfolg hatte Dinger noch einmal Anfang der achtziger Jahre mit seiner Band La Düsseldorf. Doch auch dieses Projekt steckte mehr als zehn Jahre in juristischen Händeln. Dinger veröffentlichte unterdessen in Japan unter dem Namen "La Neu" acht weitere Alben. So mag es nicht wundern, dass er "Neu!" mittlerweile, wenn auch ungerechtfertigt eher für "sein Ding" hält. Das Dinger-Ding. Die späte Ernte jener vier Nächte im Dezember 1971 werden der Klaus und der Michael wohl noch zu gleichen Teilen genießen. Doch in einem Punkt sind sich beide einig: "Neu! 5" liegt - trotz guter Angebote - in weiter Ferne.

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