Kultur : Neu im Kino: Meine Welt ist rund - "Das Lied vom jungen Akkordeonspieler"

Kerstin Decker

Wo liegt Kasachstan? Weit weg, sagen die Objektiven. Ganz nah, sagen jene, die im Kino waren. "Es gibt Filme, die man entdeckt, wenn man jung ist, es gibt welche, die man wiederentdeckt, wenn man etwas älter ist, und es gibt die Werke, die man nie aus den Augen verliert." - "Das Lied vom jungen Akkordeonspieler" gehöre zu jener dritten Kategorie, schrieb eine französische Filmzeitschrift.

Dabei war die französische Filmzeitschrift noch nie in Atschissai. Atschissai ist das Heimatdorf des Regisseurs Satybaldy Narymbetov. Ein Minenarbeiterort, mit hohen Bergen drum herum und japanischen Gefangenen nebenan, die müssen neue Brücken bauen. Und dafür interessieren sich große Kinomagazine? Kein einziges Mal verlassen wir das Dorf. Denn das Weggehen aus Dörfern wäre schon eine Handlung. Aber es gibt, streng genommen, keine Handlungen in Dörfern. Nur Geschehnisse. Darum gibt es im "Lied des jungen Akkordeonspielers" auch keine Handlung, nur Geschehnisse. Dörfer sind rund. Genau wie das Leben dort. Sogar die Zeit wird rund auf den Dörfern.

Vielleicht ist das Runde die meistverkannte Universalie der Gegenwart. Sie rückt Paris ganz dicht an Atschissai. Denn nicht nur Dörfer, auch jede Kindheit ist rund. Und wenn ein Dorf und eine Kindheit zusammentreffen, dann muss man gar nicht mehr weg, dann ist plötzlich die ganze Welt im Dorf, sogar in Atschissai.

Stalin? Ein Gesicht aus Papier

Wie verfilmt man handlungslose Rundwelten voller Kleinst-Geschehnisse? Nur mit jener höchsten Präzision, die es braucht im Universum der ungenauen Dinge. Darin unterscheiden sich die Welt des Technikers und die des Künstlers: Der eine macht das Maß-Lose für Augenblicke messbar, hält es kurz in der Hand und daraus kommt alles Glück. Der andere formt die Illusion der Messbarkeit zum Weltbild. Kommt daraus alles Unglück?

Die Illusion, nein, die Diktatur der Messbarkeit ist auch schon eingezogen in das kleine kasachische Dorf. Lenin, Stalin und die Fünf-Jahres-Pläne umstehen Ezkens Kindheit. Ezken bemerkt sie nicht. Stalin? Ein Gesicht aus Papier. Ezken ist zehn, vielleicht auch schon zwölf. Manchmal, zwischendurch beim Spielen, trinkt er noch an der runden Brust seiner Mutter. Ein zärtlicher Unernst. Ezken hat eine sehr schöne Mutter. Und dann bekommt er einen neuen Freund, Jurij aus Leningrad, dessen Vater im Gefängnis sitzt. Wegen Kosmopolitismus. Kosmopoliten erkenne man mit einem einzigen Blick in ihre Hose. Beschnitten? Also Kosmopolit. Und Jude dazu. Jurij weiß sowas. Denn er kommt aus Leningrad. - Noch ist es eine fließende Welt, die Ezken, Jurij und die anderen bewohnen, die Brust der Mutter, die hochkonzentrierte Augenzeugenschaft beim Tagewerk der Dorfhure Aspasia und das harte Zielen am Schießstand, alles passt hinein. Erwachsene, erfahren Esken und seine Freunde, sind überaus merkwürdige Kinder. Es ist wichtig, ihre Geheimnisse zu studieren. Darum lohnt es auch, Akkordeon zu lernen. Denn wie sonst kommt man auf die Tanzabende der Großen? Es ist die vielleicht schönste Szene des Films, als Ezken Akkordeon spielt zum Dorfball, weil der richtige Akkordeonspieler doch auch lieber tanzen möchte. Und wir sehen dieses ganze erwachsene erotische Spiel der Anziehungen und Abstoßungen mit seinen Augen, erkennen es wieder am verlorenen Ausdruck seines Gesichts. Aber mehr noch können wir es hören. Das Akkordeon wird leiser vor Anspannung, manchmal will es ganz aufhören, doch bevor alle endgültig aus dem Takt fallen, besinnt sich Esken jedesmal auf den eigentlichen Grund seiner Anwesenheit beim Tanz.

Und wird er jemals wieder so ins Kino gehen wie damals? Mit geklauten Steigeisen einen Mast erkletternd, hoch über dem Zaun Chaplin erblicken in "Lichter der Großstadt", die Szene, da Virginia Cherill ihren Helfer durch eine Berührung wiedererkennt.

Sehen als Berührung. Mit Kinderaugen sehen, heißt wie zum ersten Mal sehen. Vielleicht darum bleiben das Kino und die Kunst dem kindlichen Schauen so verbunden. Weil sie immer wieder angewiesen sind auf dieses Wie-Zum-Ersten-Mal, und darauf, dass aus der Distanz des Sehens die Nähe, das Unentrinnbare einer Berührung wird.

Vielleicht liegt in solcher Unentrinnbarkeit aber auch der Beginn jener Sprünge, die sich an den Eierschalenwänden der runden Kindheiten einzeichnen. Satybaldy Narymbetov und sein wunderbar lebenswach-träumerischer Schauspieler Daulet Taniev als Ezken machen sie sichtbar. Da sind die Schreie des Jungen oben im Baum, als ein Soldat die schöne unerreichbare Bibliothekarin küsst, da ist die Verhaftung des eigenen Vaters. Nein, Ezkens Vater ist nicht beschnitten. Kein Kosmopolit. Aber er hat mit den Japanern gegessen.

NKWD. Vier Buchstaben zerbrechen Ezkens Kindheitswelt wie vormals die Narymbetovs. Die Kindheit ist zu Ende, wenn die Zeit nicht mehr rund wird. Wenn es plötzlich ein Gestern gibt. Wenn sie beim Tanzen Schallplatten wollen und keinen Akkordeonspieler mehr. Ganz am Anfang und ganz am Schluss liegt Esken an einem Baum, sieht die Eltern wie im Traum vorbeigehen. Sie werden nicht mehr wiederkommen, und er liegt an dem Baum. Er sollte jetzt seine Kraft haben.

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