Neu : Urlaub von der Grußarbeit

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Als Bewohner von Prenzlauer Berg, speziell des Wins- und des Bötzowkiezes, ist man ausgehtechnisch ziemlich aufgeschmissen. Cafés gibt es die Immanuelkirch runter und die Hufeland rauf zwar viele, aber um acht Uhr abends ist Sense. Wer dann im Sorsi e Morsi nicht die Leute treffen möchte, mit denen er morgens und nachmittags beim Abgeben und Holen der Kinder in Grundschulen und Kitas aufopferungsvolle Grußarbeit verrichtet, und wer sich für das Luxus noch zu jung fühlt, dem bleibt eigentlich nur das Neu in der Greifswalder Straße.

Der Laden liegt gewissermaßen zwischen den Clubs Knaack und Magnet, die längst dichtgemacht haben, und hat natürlich bei Weitem nicht deren Anziehungskraft. Trotzdem ist hier unter der Woche ein kontinuierliches Kommen und Gehen, weshalb die Plätze an der Theke, den drei Tischen unten und den zweien im oberen Raum nie lange unbesetzt bleiben. Und selbst wenn Leere herrscht: Schön düster ist es im Neu immer, da kann man auch allein gut vor sich hin sinnieren. Wenn man so will, ist das Neu eine Kreuzung aus dem Ex ’n’ Pop der neunziger Jahre und der 8-Millimeter-Bar der Gegenwart. Nur die Verzweiflung und das Kaputte halten sich hier in Grenzen. Dafür sind die vollbärtigen oder dezent an Cowboys oder Psychobillys erinnernden Barkeeper zu freundlich; dafür hat der obere Raum auch etwas von einer Wohnzimmerbar. Und dafür ist die Musik, die an zwei Plattentellern links von der Theke aufgelegt wird, zu geschmackvoll ausgewählt: mal Sixties, mal Siebziger-Jahre-Punk, und kongenial Düsteres kommt höchstens von Dubstep-Acts wie Burial oder Ghostpoet.

Szenereporter können hier also noch fündig werden (Prenzlauer Berg doch irgendwie ein Szenebezirk!) – und Familienväter und -mütter zur Abwechslung den Eindruck haben, dass sich nicht alles um die Kinder dreht (Prenzlauer Berg doch nicht das Ende!). Ein Problem jedoch gibt es, das typische Berliner Bar- und Clubproblem: Das Haus, in dem die Bar residiert, ist eingerüstet. Das Neu dürfte also schon bald alt und historisch sein.

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