Neue Deutsch-Pop-Alben : Wir hatten so viel vor

Mia und Silbermond: Zwei der erfolgreichsten Deutsch-Pop-Bands bringen neue Alben heraus. Bei Mia hat sich in den letzten Jahren einiges verändert, Silbermond machen da weiter, wo sie aufgehört haben.

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Die Berliner Band Mia mit Sängerin Mieze Katz (vorn). Foto: H. Flug
Die Berliner Band Mia mit Sängerin Mieze Katz (vorn). Foto: H. Flug

Ein Mittwochabend im Januar. Die Band Mia hat in eine Bar in Mitte geladen, um vor ausgewählten Gästen ihr neues Album vorzustellen, bis zu dessen Veröffentlichung es noch sechs Wochen sind. Termine dieser Art gehören für die Musiker zum Alltag, sie sind Routine. Eigentlich. Doch als Sängerin Mieze Katz den Raum betritt, ist sie nicht die vor Energie strotzende, selbstsichere Frontfrau, die man kennt. Angespannt steht sie zwischen ihren Bandkollegen und erzählt stockend, ohne konkret zu werden, von der Wucht des Lebens, die sie in der zurückliegenden Bandpause zu spüren bekommen habe, sie spricht von einer Zäsur. Als sie den Tränen nahe zu sein scheint, setzen die ersten Takte der CD ein, und Mieze verlässt das Rampenlicht. Zurück bleibt ein verstörtes Publikum.

Alles nur eine verkaufsfördernde Masche, um das Interesse am Album „Tacheles“ zu wecken, das nun diesen Freitag erscheint? Natürlich, sagt ein Musikjournalist, der Mia unerträglich findet. Er steht stellvertretend für all jene, denen die Gruppe seit jeher zu aufgesetzt ist und denen Christiane Rösinger aus der Seele sprach, als sie Mia zur „dümmsten und nervigsten Band Berlins“ kürte. Und das waren Mia für viele, als sie vor ein paar Jahren das Stück „Was es ist“ aufnahmen, ein schwer erträgliches Liebeslied an Deutschland. Die Aufmerksamkeit in der eher linken Popkultur war ihnen sicher. PR-Profis hätten es sich nicht besser ausdenken können.

Die Strategie hinter „Tacheles“ ist schwer zu erkennen. Elf Titel umfasst die fünfte Mia-Platte, und natürlich enthält sie viele tanzbare Nummern. Die Singleauskopplung „Fallschirm“ zum Beispiel, zu der die vier Musiker von Kopf bis Fuß mit Farbe beschmiert durchs Video laufen. Oder das mit treibenden Synthie-Beats unterlegte „Der Einzige“, in dem Sängerin Mieze den Hörer gewohnt überdreht auffordert: „Komm, mach einen Schritt aus deinem Tagtraum und geh mit mir in meine Nacht.“ Zehn Jahre nach dem Debüt „Hieb und Stichfest“ scheint alles wie immer.

Doch gerade wenn man glaubt, Mia hätten ein heiteres, perfekt geschliffenes Gute-Laune-Pop-Album vorgelegt, wird man eines Besseren belehrt: In „Rien ne va plus“ zeigt sich Mieze Katz von ihrer sensiblen Seite. Es ist das erste Lied, das sie selbst komponiert hat – seit kurzem nimmt sie Klavierunterricht. Darin singt sie: „Ich will beten, auch wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll / Ich will hoffen, auch wenn ich nicht weiß, wofür (…) / Die Zeit, die Welt, du und ich, wir hatten so viel vor / Nichts geht mehr / Rien ne va plus.“ Und in „Brüchiges Eis“ zittert ihre Stimme, fast klingt es, als würde Mieze weinen. Noch nie hat sich die 32-jährige Sängerin so verletzlich und machtlos gezeigt.

Was ist in den zurückliegenden dreieinhalb Jahren seit dem letzten Album „Willkommen im Club“ geschehen? Fragt man Mieze Katz ein paar Woche nach der CD-Präsentation, bleibt sie wieder unkonkret und will die Stücke nicht näher erklären. Sie spricht von einer „krassen Zeit in meinem Leben“, von einem Verlust „in meinem engsten, engsten Kreis“. Sie sagt: „Ich bin jemand, der die unschönen Sachen mit sich selbst ausmacht. Das ist aber nur bis zu einem bestimmten Grad gesund. Das Schreiben hat mir geholfen, um wenigstens einen minimalen Abstand zu bekommen.“ Genau genommen ist „Tacheles“ also Therapie. Das Erlebte auf der Platte zu thematisieren, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, betont Mieze. „Ich habe erkannt, dass ich trotzdem eine starke und selbstbestimmte Frau bin.“

Ein Jahr Auszeit nahmen sich die Musiker, bevor sie wieder ins Studio gingen und neue Lieder aufnahmen. Es war die erste Pause seit der Bandgründung 1997, das erste Durchatmen. Alle ging ihren eigenen Interessen nach. Sängerin Mieze und Bassist Robert Schütze reisten viel, Schlagzeuger Gunnar Spies und Gitarrist Andy Penn kümmerten sich um ihre Familien. Penn sagt, Mia hätten sich in dieser Pause „neu verorten“ können: „Es war wichtig, mal durchzulüften.“ Das Durchlüften ist der Band, die vom Quintett zum Quartett schrumpfte, gut bekommen. Ihre Musik klingt leidenschaftlicher als auf dem Vorgängeralbum. Überraschender. Die Deluxe-Version von „Tacheles“ enthält das Bonusstück „Die Frau“, in dem Mieze offenbart: „Sie steht vor meiner Tür/Holt mich ab, nimmt mich mit/ Und zeigt mir, wo’s ihr gefällt.“ Auch so eine Seite, die man bislang nicht von ihr kannte und die, wie sie erzählt, auf ein Erlebnis während einer ihrer Reisen zurückzuführen ist.

Eine Auszeit haben sich Silbermond nicht gegönnt. Vor drei Jahren veröffentlichten die in Bautzen aufgewachsenen Musiker ihre letzte Platte „Nichts passiert“, anschließend gingen sie auf Tour und gleich darauf in den Proberaum in Adlershof. Am 23. März kommt ihr neues Album „Himmel auf“ in die Läden, die gleichnamige Single ist vor kurzem erschienen und auf Platz fünf der deutschen Charts eingestiegen. Wer den Erfolg der Band verstehen will, muss sich das dazugehörige Video angucken. Regisseur Daniel Lwowski reiste dafür durch Deutschland und befragte 150 Leute auf der Straße nach deren Definition von Glück. Zugunsten dieser Statements wurde auf die Strophen verzichtet, so dass nur der Refrain des Liedes zu hören ist. „Am Ende des Songs bekommst du mit, dass Glück einfach so ein umfangreicher Begriff ist und so ein umfangreicher Zustand, dass er mit einem Wort eigentlich kaum zu beschreiben ist“, sagt Stefanie Kloß im Making-of zum Clip.

Ja, das Leben ist höllisch kompliziert – für Erkenntnisse wie diese stehen Silbermond, dafür werden sie von ihren Fans geliebt. Und für ihren eingängigen Pop- Rock. Die Band erhebt nicht den Anspruch, künstlerische Avantgarde zu sein. Experimente? Lieber nicht. Deshalb kommen – wie schon bei den Vorgängern – die Produzenten Bernd Wendlandt und Ingo Politz zum Einsatz. Im Laufe der Jahre haben sie den Sound, für den Silbermond bekannt sind, perfektioniert. Schon in „Unter der Oberfläche“, dem Eröffnungsstück der neuen Platte, ist alles enthalten, was man von früheren Hits kennt: Streicher, Gitarren, Schlagzeug, Piano. Die Musik fängt behutsam an und baut sich allmählich zu einer Wand auf. Dazu singt Stefanie Kloß: „Wir treiben wie Eisberge durch diese Straßen / Was wir von uns zeigen, ist nur kalte Fassade / Wir ziehen durch die Clubs und die Nächte der Stadt auf der Suche nach Liebe / Wir graben nach Gold und fischen doch nur im Trüben.“

So ähnlich geht es auch auf den übrigen Songs der Platte zu: Es fehlt das Überraschende, der Tiefgang und der Fokus. Für jeden Geschmack, für jede Lebenslage möchten Silbermond den passenden Titel bieten. Es gibt Liebeslieder („Teil von mir“, „Für dich schlägt mein Herz“), den Protest-Song („Waffen“), die elektronisch angehauchte Nummer („Gegen“), die Powerballade („Das Gute gewinnt“).

Das ist alles nicht schlecht – aber auch nicht wirklich gut. Vielleicht hätten Silbermond eine Pause machen sollen, so wie Mia. Vielleicht hätte im Leben der Sängerin Stefanie Kloß auch mal was passieren müssen, damit ihre Band mal ein Wagnis eingeht und auf das Sicherheitsnetz in ihrer Musik verzichtet. Das würde sicher einige treue Fans irritieren, aber – herrje – es gibt Schlimmeres. Und Besseres.

„Tacheles“ von Mia erscheint am

9. März bei Universal, „Himmel auf“ von Silbermond am 23. März bei Sony Music

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