Kultur : Neue Eiszeit

Bitte recht roh: Franz Ferdinand in Berlin

Kai Müller

Man hat sie seelenlose Hipster geschimpft in England, wo ihre steile Popkarriere begann. Super talentiert, aber eben ganz ohne Skrupel. Ein Erfolgsmodell für die soziale Abschottung einer bürgerlichen Jugend, die sich auf ihre Wohlstandsinseln zurückzieht. Beim Berliner Konzert von Franz Ferdinand warf sich die ausverkaufte Tempodrom-Arena dem Quartett aus Glasgow begeistert an den Hals – und wurde doch irgendwie abgewiesen. Herzliche Töne sind nicht das, was dem Sänger Alex Kapranos und seinen Mitstreitern liegt. Stattdessen zum Auftakt das kühl-neurotische Porträt eines an „American Psycho“ angelehnten Karrieristen. „I see losers losing everywhere“, brüllt Kaparanos, „wenn ich was verliere, wird es der Dreck sein, den mich die anderen kümmern.“ Eine starke Geste, noch dazu in der Klangkostümierung schneidener Gitarren und hämmernder Vierviertelbeats. Als sie vor etwa einem Jahr das erste Mal nach Berlin kamen, spielten Kapranos, der Gitarrist Nick McCarthy, der Bassist Bob Hardy und Paul Thomson am Schlagzeug noch vor ziemlich kleiner Kulisse. Ein Bühnenbild hatten sie nicht. Ihr Gestenrepertoire beschränkte sich auf gelegentliches Windmühlenkreisen der Arme. Und nach etwas mehr als einer Stunde war der Spuk vorüber. Die Band hatte gerade ihr erstes Album veröffentlicht und spielte es in einer knappen Stunde herunter. Nun, da sie mit dem Album „You could have it so much better“ nachgelegt und die nächste Stufe der Popstarleiter erklommen hat, dauert ihr Auftritt auch nicht viel länger. Noch einmal jagt sie durch all die Hits, denen sie ihren Ruhm verdankt, „Take Me Out“, „Matinee“, „Michael“.

Doch die großartigen Songs sind blasse Schatten ihrer selbst, denn Kaparanos will nicht mehr dramatisch sein. Er schenkt sich die lyrischen Schlangenlinien seiner Melodien, heraus kommt ein finster-stoisches E-Gitarrengewitter, roh und bösartig. Die neuen Songs wie „The Fallen“, „What You Meant“ oder „Walk Away“ unterfüttern diese Tonlage mit ihrem Lob der Einsamkeit, das Kapranos ungerührt vorträgt.

Im Hintergrund flimmern derweil Schwarzweiß-Bilder der Band über eine Videoleinwand. Darauf sehen die vier Musiker wie Zeitreisende aus, als wären sie geradewegs der Ed-Sullivan-Show entstiegen und eigentlich die frühen Who. So brachial klingen sie auch – was sie bei der Zugabe mit dem Up-Tempo-Kracher „Evil And A Heathen“ noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellen. In diesem Nachspiel blitzt zum ersten Mal an diesem Abend der Wunsch auf, nicht nur Songs abzuliefern. Ganz am Ende überlassen sich Franz Ferdinand einer Rock- Energie, die sie aus ihrem steifen Korsett befreit. Zu spät, zu kurz.

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