Kultur : "Neue Fotografie in Berlin": Neo-Realismus kann ziemlich kühl sein - Eine Ausstellung

Jan-Arne Sohns

"Es gibt in Berlin derzeit noch keine wirklich lebendige Fotografie-Szene", behauptet Claudia Stein. Mit "Photography Now", einer neuen "Agentur für Fotografie und Fotoprojekte" möchte sie dies ändern. Zum Start hat sie zwanzig junge Fotografen, allesamt Zugezogene, um sich versammelt und präsentiert sie in der Ausstellung "Neue Fotografie in Berlin". Angewandte Fotografie, das schmeckt nach Handwerk und Verwertbarkeit: Lifestyle, Image und Trendsurfing, Mode, Design und Firmenprospekte, vielleicht noch etwas Fotojournalismus. Trendige Club-Ästhetik gibt es bei "Photography Now" kaum zu sehen, dafür viel dokumentarische Genauigkeit. Professionalität und Abbildungswille sind überall spürbar. Der Griff zum Farbfilm scheint obligatorisch, abgelichtet wird die Großstadt, meist im privaten Raum. Knalliger Kitsch und objektivierende Blässe konkurrieren miteinander. Gelegentlich variieren Schärfen und Bildausschnitte, Perspektiven dagegen kaum. Größere formale Experimentierfreudigkeit scheint wenig opportun, wenn man auf Markt und Auftraggeber schielen muss.

Umso mehr stechen die Ausnahmen ins Auge. Klaus Lange, Absolvent des Studienganges "Visuelle Kommunikation" in Bielefeld, ist einer aus der zahlreich vertretenen neusachlichen Schule, deren Bilder wirken, als würde man sie durch einen bläulichen Eisfilm betrachten. In seinen Arbeiten porträtiert er Menschen und ihr Umfeld. Realismus bedeutet für ihn Neutralität: In kontrastarmer Belichtung unterentwickelt er kontrastarme Filme. Der milchig blasse Blick, den Lange mit seiner Kamera aus dem Fenster wirft, ist von unaufdringlicher Eleganz, die sich der Farbtrunkenheit vieler anderer Arbeiten verweigert und auch nicht jener plakativen Sachlichkeit huldigt, die anderswo großformatig Bartstoppeln zählt.

Marc Räder legt als einziger Hand ans bereits entwickelte Bild. Zwei seiner Bilder hat er in gleichmäßige Rechtecke zerschnitten und diese streifenweise ineinander montiert. Das eine Bild zeigt einen Fotografen bei einer pseudo-ethnologischen Porträtaufnahme: der Dschungel ist in Wirklichkeit ein Park, im Hintergrund sind sogar Autos zu erkennen. Das andere, schwarzweiße Bild ist eine der Aufnahmen, die bei dieser Sitzung entstanden sind. In seiner raffinierten Reflexion auf die (Dokumentar-) Fotografie möchte Räder "dem Bild den Prozess gegenüber stellen". Die Re- und Dekonstruktionsarbeit des Essener Kommunikationsdesign-Absolventen weist keine neuen Wege für die angewandte Fotografie, die ohne unversehrte Bilder kaum auskommen kann. Sie bezeugt jedoch den Mut, sich erkennbar abseits des Gängigen zu positionieren.

Nikolaus Geyer hat ebenfalls in Essen studiert. Seine großformatigen Arbeiten sind lange belichtete Momentaufnahmen aus dem modernen Japan. Vier Arbeiten aus dem Zyklus "Die japanische Haut" stellt der gebürtige Braunschweiger aus. Auch Geyer geht es um Menschen im Kontext, doch für ihn sind die Leute, die er in Tokio fotografiert hat, Akteure einer einzigen großen Inszenierung. Er habe dort das Gefühl gehabt, in eine Scheinwelt zu treten: Geyers Arbeiten künden vom Unbehagen des Fotografen in der fremden Kultur. Klug, kühl, streng arrangiert, setzt Geyer seine Figuren ins Bild. Zwei Vorstandsmitglieder von Konika duellieren sich blitzlichtgewitternd vor schweren Ledersesseln in einem Büro. Irgendein anderer Boss steht verloren mit einer Aktentasche im leeren Besprechungszimmer, wo eine lange Sesselreihe ins Nirgendwo verläuft. Geyers Fotos erinnern in ihrer lakonischen Kühle an manche Filme des Japaners Takeshi Kitano. Neue Fotografie in Berlin: präzise Bestandsaufnahmen.

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