Kultur : Neue Gesellschaft für bildende Kunst: Was bewegt sich denn da?

Ronald Berg

Die Walzen mahlen alles klein; dröhnend schluckt das Mahlwerk seine Beute: Es sind Fotografien. Andreas Müller-Pohle hat den Industrieschredder mit Arbeiten aus dem eigenen Fotolabor gefüttert, den Vorgag auf Video aufgenommen, Bild und Ton auf 20 Prozent verlangsamt und führt das Ganze nun in einer Ausstellung mit dem Titel "ex machina - Über die Zersetzung der Fotografie" vor. Damit liefert er der Arbeitsgruppe Fotografie der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst Berlin bestes Anschauungsmaterial ihre These von der gegenwärtigen Zersetzung der Fotografie im Medienverbund.

Der Rasterpunkt

Allerdings setzen die 15 ausgestellten Positionen dabei mehr auf die künstlerische Transformation der Fotografie als auf deren Zerstörung. Es geht um den Künstler als "deus ex machina" also, der in seinem Zersetzungswerk einzelne Aspekte des Mediums Fotografie zu erhellen weiß.

Im Grunde hat sich das Foto beispielsweise in der Presse längst zersetzt. Sven Kalden macht verdeutlicht dies, indem er das Zeitungsfoto zum Ausgangspunkt seiner Installation macht. Kalden hat einen winzigen Ausschnitt aus einem Zeitungsbild auf mehrere Meter vergrößert und dabei die Rasterpunkte des Bildes ins Dreidimensionale übersetzt. Kalden zeigt, wie zweifelhaft das Material ist, in dem uns Wirklichkeit überliefert wird. Auch Heike Hamann geht mit ihrer "Double Black Box" auf einen Grundbestandteil des fotografischen Prozesses zurück: den kommunikativen Akt. Nur dass sich innerhalb ihrer zweigeteilten und begehbaren Camera obscura die Besucher selbst mal Motiv, mal als Betrachter erleben können, je nachdem, auf welcher Seite das Licht angeht.

Die Fotografie hat in ihrem über 150-jährigen Bestehen unsere Wahrnehmung in dem Maße beeinflusst, wie aus der Welt Medienrealität wurde. Oft ist es uns nicht einmal mehr bewusst, dass sie die Welt uns erst bildlich generiert. Bei Simone Ackermann ist man nicht mehr sicher, um was für ein Bild es sich handelt: Foto, Video oder doch abgebildete Wirklichkeit? Bei der Videoprojektion eines frühstückenden Paares wird die Frage nach der Vorlage - Foto oder nicht? - durch das eingesetzte Medium selbst verunsichert. Das Rauschen des Videos ist die eigentliche Botschaft.

Unser täglich geübter Glaube, Fotos könnten Wirklichkeit abbilden, führt den Besucher dieser Ausstellung immer wieder in die Irre. Da entpuppt sich eine mit Video aufgenommene Waldlandschaft, die die Kamera in langsamem Schwenk durchmisst, tatsächlich als abgefilmtes Dia. Dass Bilder schließlich erst im Kopf entstehen, macht Hans-Peter Feldmann klar. Seine "Fotos" kommen als Hörtext daher - zu sehen gibt es nichts mehr.

Die größte Herausforderung der Fotografie im Hinblick auf ihre Zersetzung ist heute allerdings der Computer. Müller-Pohles "Digitalen Partituren" liegt das älteste Foto zu Grunde: Niépces Fensterblick aus dem Jahre 1826. Eingescannt und auf acht Tafeln ausgedruckt, besteht diese fotografische Inkunabel nur noch aus einem Zahlencode, der die Bytes des digitalen Bildes definiert. Damit aber gewinnt die Fotografie ihre Qualität zurück. Sie ist und bleibt die Spur des "alten Lichts", wie Tucholsky es einmal nannte.

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