Kultur : Neue Heimat Kalifornien

Stefan Carow ist Juror beim Heiner-Carow-Preis im PANORAMA.

von
Stefan Carow, Sohn des 1997 verstorbenen Regisseurs Heiner Carow. Foto: Thilo Rückeis
Stefan Carow, Sohn des 1997 verstorbenen Regisseurs Heiner Carow. Foto: Thilo Rückeis

Geschichten gibt’s. „Lebt seit 1989 in Los Angeles, CA“ steht in dürren Worten in der kurzen Vita, die Stefan Carow vor seiner Anreise zur Berlinale mailt. Interessant. Hat der Sohn des Defa-Regisseurs Heiner Carow etwa direkt nach dem Mauerfall am 9. November in die Staaten rübergemacht? Nach diesem für die Filmfamilie Carow doppelt bedeutsamen Abend, an dem Heiner Carow im Kino International die Premiere von „Coming out“ feierte? Dieses einzige Schwulendrama des DDR- Kinos hatte der Regisseur in jahrelangen Kämpfen durchgesetzt und dafür später den Silbernen Bären bekommen. Die Vorführung wurde nach der hereinplatzenden Nachricht fast abgebrochen und dann nach einer Publikumsabstimmung doch noch fortgeführt.

Stefan Carow, der die Filmmusik zu „Coming Out“ komponiert hat, sitzt in einer Hotelbar in Tiergarten, schüttelt den Kopf und lacht. Er ist als einer von drei Juroren des neuen Heiner-Carow-Preises, den die Defa-Stiftung am Donnerstag erstmals im Rahmen des Panoramas vergibt, aus Kalifornien angereist. „Genau das ist ja meine Geschichte“, sagt er, „ich bin der, der nicht dabei war.“ Der 1997 verstorbene Regisseursvater, die Mutter Evelyn Carow, eine Cutterin, die heute 80 ist und nach wie vor in Potsdam-Babelsberg lebt, die Schwester, eine Defa- Gewandmeisterin, die in Prenzlauer Berg lebt und weiter Kostümbild für Film und Fernsehen macht – alle da. Nur Sohn Stefan Carow nicht. Denn der Komponist erlebt seinen persönlichen Independance Day schon, als er am 4. Juli 1989 in die USA einreist. Offiziell nur zu Besuch, auf Einladung eines Bekannten. Tatsächlich, um nie mehr in das Land zurückzukehren, das es vier Monate später dann so nicht mehr gibt.

Es sei eine persönliche, keine politische Entscheidung gewesen, erzählt Carow, der sich freut, dass die Defa-Stiftung durch den Preis an seinen Vater erinnert, der mit „Die Legende von Paul und Paula“ den DDR-Kultfilm überhaupt geschaffen hat. Er habe schon immer einen Amerika-Tick gehabt, immer ganz weit weg gewollt, sei nie nostalgisch gewesen.

Klingt locker, ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist doch politisch, so wie das Private in restriktiven Systemen halt schnell politisch wird. Stefan Carow, der an der Eisler-Musikhochschule und der Akademie der Künste Ost Komposition studiert, verliebt sich nämlich 1986 in eine Brasilianerin. In Österreich ist das passiert. Da hat der Komponist Hans Werner Henze dem von ihm geschätzten Carow einen Kompositionsauftrag gegeben. Doch als Carows Liebe, eine in München lebende Opernregisseurin mit Diplomatenpass, ihn regelmäßig in Prenzlauer Berg und Potsdam besuchen kommt, gefällt das der Stasi gar nicht. Er wird beschattet, das Telefon abgehört. „Und als sie schwanger wurde und wir heiraten wollten, wurde es brenzlig.“

Da hat er beschlossen zu gehen, wie er völlig undramatisch und ohne jede Bitterkeit erzählt. Die Entscheidung, die drei gemeinsamen Söhne in Amerika aufzuziehen, bereut er kein bisschen. Heimatgefühle hat Carow seit dem vom ihm begrüßten Untergang der DDR eh keine mehr. Wann er das erste Mal auf der Berlinale war? „1986 mit Heiners Film ,So viele Träume‘, für den ich die Musik geschrieben habe.“ Lange her, winkt er ab. Spürbar wichtiger ist ihm die Gegenwart, das Album mit Rocksongs, das er zu Hause in L.A. produziert.Gunda Bartels

Preisverleihung plus Filmvorführung „Die Legende von Paul und Paula“: 14.2., 18.30 Uhr (Cinestar Event Cinema)

Für „Coming Out“, das Schwulen-Drama seines Vaters, komponierte er die Musik

0 Kommentare

Neuester Kommentar