Kultur : Neue Heimat

Die Türkei will nach Europa – und Istanbul eröffnet ein Museum für Moderne Kunst

Daniela Sannwald

Die schönste Ansicht ist nicht gemalt und nicht ausdrücklich Bestandteil der Ausstellung. Sie liegt hinter der verglasten Rückfront des neu eröffneten Istanbuler Museums für Moderne Kunst und zeigt ein Stück Bosporus mit kreuzenden Schiffen in jeder Größe, den Topkapi-Palast auf der Spitze der gegenüber liegenden Halbinsel, im Hintergrund den asiatischen Teil der Stadt.

Ein Speichergebäude aus dem 19. Jahrhundert im Hafen von Karaköy wurde entkernt und aufwendig renoviert, um dieses Museum aufzunehmen, das an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa, zwischen Abendland und Morgenland, zwischen osmanischer und westlicher Kunst vermitteln will. Entstanden ist – auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern ein karges, aber großzügig-funktionalistisches Interieur, ein riesiger rechteckiger Raum, in dem lediglich einige Zwischenwände zur Hängung von Bildern eingezogen wurden.

Und die erste Ausstellung, knapp 100 türkischen Künstlerinnen und Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet, zeigt thematisch und ästhetisch mehr Gemeinsamkeiten mit der als Unterschiede zur west- und osteuropäischen Kunst dieser Zeit. So könnten die am Fin de Siècle entstandenen dunklen Ölstilleben eines Süleyman Seyyid oder Hüseyin Zekai Pascha auch aus Holland, Deutschland oder Spanien, die Seelandschaft eines Migardic Givanian auch von Caspar David Friedrich stammen und eine fast monochrome Großstadtansicht aus dem Jahr 1923 statt Istanbul auch Paris oder London abbilden, wären da nicht die Minarette und Kuppeln der Moscheen.

Die Ausstellung zeigt türkischen Im- und Expressionismus, Kubismus, Futurismus, abstrakte Malerei, Hyperrealismus, Pop-Art und Konstruktivismus und belegt einmal mehr, dass die Kunst, zumal die bildende, grenz- und kulturüberschreitend Zeitströmungen aufgreift, thematisiert und interpretiert. Allerdings sind türkische Künstler in den großen Museen für Moderne Kunst kaum vertreten.

Dagegen arbeitet die Istanbuler Stiftung für Kultur und Kunst schon seit 1987 mit der Biennale für zeitgenössische Kunst an, die jedoch immer wieder Probleme mit dem Ausstellungsort hatte. Die Initiative für das neu eröffnete Museum geht auf diese Biennale zurück, und Premierminister Recep Tayyip Erdogan, ehemaliger Bürgermeister von Istanbul, hat das alte Hafengebäude freigegeben und bei der feierlichen Eröffnung den Bau weiterer Museen in Aussicht gestellt. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass der Staat solche Projekte finanziell unterstützt. Kultur wird in der Türkei fast ausschließlich durch private Sponsoren ermöglicht. In diesem Fall hat die kulturell außerordentlich engagierte Familie Eczacibasi nicht nur den Bau des Museums betrieben, sondern damit auch die eigenen Kunstsammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Daneben haben Banken, unter anderen die Deutsche Bank, und weitere private Sammler zu dieser ersten Ausstellung mit dem Motto „Beobachtung/Interpretation/Vielfalt“ beigetragen.

In einem Kabinett im Tiefgeschoss ist eine Auswahl von Werken türkischer Fotografen seit den 1930er Jahren zu sehen: Porträt-, Reise- und Reportagefotografie und einige abstrakte Aufnahmen. Daneben gibt es Videoinstallationen, stehen eine Bibliothek, ein Vortragssaal und sogar ein Kino zur Verfügung. Die Pläne für die Zukunft des Museums sind dann auch ehrgeizig. Neben permanenten und wechselnden Ausstellungen verfolgt man vor allem volksbildende und erzieherische Anliegen, wie die relativ günstigen Eintrittspreise unterstreichen. Gleichzeitig will man mit anderen Museen kooperieren, temporär ausländische Kuratoren beschäftigen und natürlich Künstler aus aller Welt einladen. Zumindest drei westeuropäische Staatsoberhäupter ließen bereits zum Eröffnungsabend Grüße und Unterstützungsversprechen überbringen: Tony Blair, Jacques Chirac und Gerhard Schröder.

Während die großen Kollektionen in den ehemaligen Sultanspalästen Topkapi und Dolmabahce Kunst und Kunsthandwerk aus der osmanischen Zeit präsentieren, haben im internationalen Stadtteil Beyoglu in den letzten Jahren immer mehr kleine, zum Teil hochspezialisierte Galerien ihre Pforten geöffnet, neben der Biennale die Anlaufstellen für zeitgenössische Kunst in Istanbul. Mit dem neuen Museum, das wie die alten Paläste den Bosporus überblickt, scheint sowohl symbolisch als auch konkret der Brückenschlag zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen den kulturellen Gegensätzen dieses nicht nur eben daran so reichen Landes gelungen.

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