Neue Helmut Kohl-Biografie : Kanzler ohne Einheit

In seiner monumentalen Kohl-Biografie versorgt der Historiker Hans-Peter Schwarz die Leser mit reichlich Verurteilungs- und Bestätigungsmaterial. Aber auch nach mehr als 1000 Seiten bleiben Kernfragen zu diesem Zentralpolitiker Europas unbeantwortet.

David Marsh
Helmut Kohl. Sein Lebenswerk wird zertrümmert. Foto: dapd
Helmut Kohl. Sein Lebenswerk wird zertrümmert. Foto: dapdFoto: dapd

Helmut Kohls fast zauberhafte Leistung als Bundeskanzler der Einheit wird vom Hauch eines Rätsels umweht. Dass gerade ihm, dem tollpatschigen Pfälzer, dessen Gespür für Wirtschaftspolitik ebenso rudimentär wirkte wie sein Sinn für die großen internationalen Beziehungen, die Wiedervereinigung gelungen war, stellt sich als tiefgründiges Mysterium dar.

Die kausalen Zusammenhänge, die zur Vollendung der staatlichen Einheit und zur Einbettung des „Neuen Deutschlands“ in einen übergeordneten europäischen Rahmen führten, liefert ausreichend Stoff für Vollbluthistoriker. Hans- Peter Schwarz, gewiefter Adenauer-Biograf und Erfinder des Begriffs „Deutschland als Zentralmacht Europas“, sollte es eigentlich schaffen, das Gesamtwerk Kohl mit Leben zu füllen. Die Zielvorgabe: Die fehlenden Teile des Kohl-Zeitalters zu rekonstruieren und einen lehrreichen Rück- wie Überblick zu liefern. Die Sehnsucht nach vollständiger Kohl-Aufklärung wird von Schwarz jedoch nicht befriedigt. Kohl-Kritiker wie -Anhänger werden reichlich mit Verurteilungs- und Bestätigungsmaterial versorgt. Aber auch nach mehr als 1000 Seiten bleiben Kernfragen zu diesem Zentralpolitiker Europas unbeantwortet.

Schwarz hat ein monumentales Buch geliefert, reich an Fakten und erhellenden Episoden. Meisterhaft ist vor allem seine Darstellung von Kohl als Paradoxon. Ein „mittelmäßiger“ Bundeskanzler, der geschichtlich mehr glänzt als die illustren Vorgänger. Der Parteipatriarch, der im Zuge der Spendenaffäre von den Parteieigenen gedemütigt wird. Der pflichtbewusste Familienvater, der laut seiner Frau „allmählich den Zugang zu den Problemen seiner Familie verliert“ und schließlich nach der „Tortur“ ihrer Erkrankungsjahre und ihrem Freitod von Hannelore Abschied nehmen muss. Der „schwarze Riese“, der „gern und ohne zu ermüden durch Wald und Feld stapfte“, der seit jetzt vier Jahren geh- und sprachbehindert an den Rollstuhl gefesselt ist. Der Vorantreiber der Währungsunion, der hilflos zuschauen muss, wie sein unvollendetes Lieblingswerk zertrümmert wird. Welch bittere Ironie: Der elf Jahre ältere Widerpart Helmut Schmidt hatte dem Jüngeren lange Zeit die Bewerkstelligung der deutschen wie der europäischen monetären Vereinigung verübelt. Jetzt ist es Schmidt und nicht Kohl, der von seinem Rollstuhl aus, bissig wie immer, psychisch voll intakt, Deutschland und die Welt darüber belehrt, was alles falsch gelaufen ist. Der eine ein Volksheld, der andere ein Pflegefall. Wie Schwarz schreibt, geht Kohl, der „Vorkämpfer des Euro“, als „tragische Gestalt“ in die Geschichte ein.

Wirtschafts- und Währungspolitik ist des Historikers Sache jedoch nicht. Er wagt sich zwar zaghaft auf vermintes Terrain mit Hinweisen auf die globalen Kapitalmärkte, Privatisierungen, die „Freisetzung der Marktkräfte“ – alles Phänomene, denen Kohl (wie auch Schwarz) beträchtliche Vorbehalte entgegenbringt. Schwarz schildert die Bundesrepublik und auch das Kohl’sche Lieblingsprojekt der gemeinsamen Währung als Opfer einer Globalisierung „nach angelsächsischem Modell unter Führung der USA, Großbritanniens, Japans, und Kanadas“, registriert als „unerwünschte Nebenwirkungen“, dass die Währungsunion „Europa zugleich unentrinnbar an die globalen Kapitalmärkte ketten würde“. Schwarz lässt außer Acht, dass Deutschland bereits in den 70er und 80er Jahren – nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods Systems und den Umwälzungen der europäischen Währungen, die die D-Mark unter Aufwertungsdruck gesetzt hatten – der Problematik der globalen Kapitalflüsse ausgesetzt war. In seiner Schilderung der Europa-Politik verleiht Schwarz der britischen Premierministerin Margaret Thatcher eine überzogene Bedeutung und übersieht auch die fundamentalen Meinungsverschiedenheiten zwischen Kohl und Frankreichs Staatspräsidenten François Mitterrand in der Währungspolitik.

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