Kultur : Neue Hüte

Das Filmfest Venedig beginnt mit Brian de Palmas „Black Dahlia“ – und bekommt Konkurrenz in Rom

Jan Schulz-Ojala

Ein bisschen stumpf, eher grau als gülden, ist sie geworden, die Löwen-Phalanx vorm Palazzo del Cinema, aber immerhin tun die von Filmausstatter Dante Ferretti entworfenen Wappentiere der Stadt und des Festivals bereits in ihrem dritten Jahr Dienst. Wieder fletscht die in Dreierreihe postierte Palastwache martialisch die Zähne Richtung Morgensonne und Adria – doch wenn ein Zirkuszauberer des Kinos sie mal eben zum Leben erwecken könnte, würden sie nicht ihre schweren, wildbemähnten Köpfe weit rechtsherum drehen und in markerschütterndes Gebrüll ausbrechen, Richtung Rom?

Das 63. Filmfest am Lido hat kaum begonnen, da ist die Schlacht schon in vollem Gange. Am Montag hat Filmfestchef Marco Müller im italienischen Fernsehen betont gelassen verkündet, das im Oktober erstmals an den Start gehende Festival von Rom müsse sich mit der Ausschussware begnügen, die weder Cannes noch Venedig hätten haben wollen – nein, so drastisch habe er es nicht gesagt, hieß es am Folgetag, doch der Affront war in der Welt. Prompt konterte der römische Festivalmacher Giorgio Gosetti, die Attacke Müllers sei eine „unglaubliche Beleidigung der Filmkünstler, die uns ihre Werke anvertraut haben“. Und: Wenn Venedig so weitermache, drohe es am eigenen Hochmut und Isolationismus zugrunde zu gehen.

Vergangenes Jahr, bei einer überfüllten Pressekonferenz im ehrwürdig vergammelten Casino am Lido, hatten sich Venedig und Rom noch gemeinsam ziemlich ewige Freundschaft geschworen, aber wohl keiner der auf dem Podium versammelten Herren, geschweige denn die rund 250 italienischen Journalisten, mochte schon damals daran glauben. Tatsächlich erwächst dem weltältesten Filmfestival mit Rom, das keine vier Wochen nach der venezianischen Schlussgala startet, gefährliche Konkurrenz – da mögen die Römer ihr Fest noch so sehr als bloße Publikumsveranstaltung tarnen und Venedig zum Ausgleich als Mekka der Filmkunst loben. Rom hat sich, mit dem umtriebigen Bürgermeister und Ex-Kulturminister Walter Veltroni an der Spitze, einen Etat von zwölf Millionen zusammengesponsert. Die Staatskulturinstitution der Biennale Venedig, die mit überalterten Strukturen kämpft, muss mit rund zwei Dritteln dieser Summe auskommen. Wenn nun Rom auch noch einen dynamischen Filmmarkt etabliert, könnte die Stadt zu Berlin und Cannes aufschließen – und die „rheumatische alte Dame am Lido“, wie die Zeitung „La Repubblica“ cool amüsiert formulierte, unversehens am Ende sein.

Doch gemach: Nicht nur wird nun unter dem Eindruck des Streits eilig über eine Entzerrung der Festivaltermine nachgedacht – wovon Venedig allein profitieren dürfte –, auch steht Marco Müller in seinem dritten Jahr als Chef am Lido zumindest von der Papierform her vorzüglich da. Für seinen Wettbewerb mit 21 Filmen hat er ausschließlich Weltpremieren verpflichtet – ein puristischer Kreativ-Kraftakt, den ihm selbst Thierry Frémaux in Cannes und der Filmberliner Dieter Kosslick erst einmal nachmachen müssten. Und Giorgio Gosetti in Rom erst recht: Sein kleinerer Wettbewerb, dessen aus 50 ausgesuchten Filmfans bestehende Jury unter Ettore Scola hochdotierte Preise vergibt, mag zwar mit der Weltpremiere der Diane-Arbus-Hommage „Fur“ und Nicole Kidman in der Hauptrolle eröffnen, aber was ist mit Martin Scorseses „Departed“, starruhmbekränzt zumal durch Jack Nicholson und Leonardo DiCaprio? Der sei womöglich ebenso für Rom gebucht, kartete Marco Müller gestern nach, aber dann in Amerika und Großbritannien längst regulär im Kino gelaufen. Ausschussware? Aufgussware!

Definitiv kein alter Hut dagegen ist Venedigs Eröffnungsfilm „The Black Dahlia“, obwohl es an elegant in die Stirn gezogenen alten Hüten und lässig im Mundwinkel angerauchten Zigaretten keineswegs mangelt. Brian De Palma verwandelt James Ellroys gleichnamigen Roman, den ersten seines „L.A. Quartetts“, in einen klassischen film noir, wobei er dem langsam anhebenden und verwinkelten Romangeschehen entspannt Reverenz erweist.

Curtis Hansons „L.A. Confidential“ vor ein paar Jahren, Nummer drei dieser schwarzen Ellroy-Serie, mag glasklarer und in Optik und Tempo moderner gewesen sein, De Palma verlässt sich ganz auf sanft ausgewaschene Farben, guten alten Suspense und eine Prise Hitchcock-Charme.

Josh Hartnett und Aaron Eckhart spielen die beiden Ex-Boxer und befreundeten Cops im Los Angeles Police Department, die im Januar 1947 den grässlichen Mord an einer Hollywood-Kleindarstellerin aufklären sollen – wegen ihrer stets schwarzen Kleidung hieß sie in der Statistenszene nur die „schwarze Dahlie“. Doch weil die beiden sich privat schon mal mit schönen Nebentatverdächtigen einlassen und auch selber nicht über das beste Vorleben verfügen, lässt ihre Vernehmungseffizienz grundsätzlich zu wünschen übrig. Zudem geraten sie bald als erotische Rivalen aneinander und immer heftiger nicht nur dienstlich in Lebensgefahr. Mia Kirshner, Hilary Swank und Scarlett Johansson sind die allesamt entzückend fatalen Frauen in diesem Spiel um Raub, Korruption, Oldie- Pornofilme, gebrochene Freundschaften und düstere Family Plots – „Die schwarze Dahlie“ ist pures B-Picture-Material, das Regie-Routinier Brian De Palma mühelos zum A-Ereignis hochzujazzen weiß.

Unlängst hat Marco Müller (vgl. Tagesspiegel vom 25. August) bewegt darüber Klage geführt, dass die Constantin Film ihm Tom Tykwers „Parfum“ – noch eine mögliche Weltpremiere! – um keinen Preis als Eröffnungsfilm überlassen wollte. Sagen wir’s so: Mit „The Black Dahlia“, einem angenehm runden, wenn auch nicht besonders nachhaltigen Werk, ist der undiplomatische Hasardeur auf dem Lido-Thron wenigstens einmal auf Nummer sicher gegangen.

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