Neue Musik : Kratzen, Surren, Schweben

Raus aus der Nische: Das Kammerensemble Neue Musik Berlin macht zeitgenössische Klänge bekannt – mit Gratiskonzerten, Führungen und viel Einsatz.

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Mission Raumklang. Das Kammerensemble Neue Musik tritt fast jede Woche auf und sucht sein Publikum jenseits von Konzertsälen. Foto: David Baltzer
Mission Raumklang. Das Kammerensemble Neue Musik tritt fast jede Woche auf und sucht sein Publikum jenseits von Konzertsälen....Foto: David Baltzer/ZENIT

Das Tremolo erinnert ein wenig an den dritten Satz des Sommers. Steffen Tast lässt den Geigenbogen über die Saiten fliegen, dynamisch, kraftvoll und laut. Und – das ist der Unterschied zur vertrauten Passage aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ – ziemlich schrill. Er drückt die Saiten mit mehreren Fingern. Es quietscht mehr als dass es klingt. In der zweiten Reihe unterdrücken zwei junge Frauen ein Grinsen, werfen sich Blicke zu, die zu sagen scheinen: Was soll das denn? Steffen Tast antwortet mit schrägen Trillern und ruht sich lange auf einzelnen Tönen aus: Zeitgenössische Musik ist das. Das Publikum ist eine Mischung aus Touristen, Rentnern, Studenten und Passanten, die alle mehr oder weniger zufällig in dieses Nachmittagskonzert im ZDF-Hauptstadtstudio Unter den Linden hineingeraten sind. Trotzdem steht niemand vorzeitig auf. Und das ist das Konzept des Kammerensembles Neue Musik Berlin (KNM).

Zeitgenössische oder Neue Musik, damit assoziieren viele unmelodische, nervtötende Klänge oder gar Krach. Gegen diese Vorurteile kämpft das Ensemble an: Mit 30 kostenlosen Konzerten an ungewöhnlichen Orten, die für Neue Musik ungewöhnlich sind wie der Kapelle der Versöhnung in Prenzlauer Berg das Dock 11 in der Kastanienallee oder dem Literaturhaus in der Charlottenburger Fasanenstraße. Sie wollen raus aus der Nische der Spezialisten: „Neue Musik geht nicht nur Musiker und Komponisten etwas an“, ist ihr Slogan.

„Wir sind selbst überrascht, dass es so gut angenommen wird“, sagt Thomas Bruns, künstlerischer Leiter des KNM. Zwischen 60 und 100 Leute kommen im Schnitt, die meisten Konzerte finden um die Mittagszeit statt. Diesmal ist es Afterwork, das läuft nicht ganz so gut, trotzdem bleibt kein Stuhl frei. Unter dem Glasdach des ZDF-Innenhofs, zwischen den großen Fernsehscheinwerfern, erklärt der Gründer des Ensembles, der lange selbst als Gitarrist mit auf der Bühne saß, dem Publikum worum es geht. KNM, das ist ein Ensemble aus 13 Musikern: Zwei Geigen, zwei Klarinetten, zwei Celli, Bratsche, Kontrabass, Flöte, Oboe, Posaune, Tuba und Schlagzeug. Seit 1987 arbeiten die Musiker in verschiedenen Formationen zusammen, momentan mit 17 ausgewählten Komponisten. „Unser Kriterium ist: Es muss Neue Musik sein und die Komponisten sollen in Berlin leben und arbeiten“, erklärt Bruns.

Tasts Violinensolo hat der Franzose Frédéric Pattar komponiert. Er schreibt fast ausschließlich Kammermusik und Solostücke, „Délie!“ ist sehr minimalistisch. Für viele der Zuhörer ist das gewöhnungsbedürftig. Immer wieder stolpern Neugierige durch die Tür, Straßenlärm dringt hinein. Sie hören kurz zu, manche bleiben, manche nicht. Doch wer einmal sitzt, der geht nicht wieder. Der Applaus ist zwar nicht begeistert, doch sehr wohlwollend.

„Es funktioniert, weil die Leute selber überrascht sind, dass sie da sitzen“, sagt Winfried Rager. Er und Theo Nabicht bieten das zweite Stück dieses Nachmittags dar. „Monary Study“, komponiert von dem Australier Thomas Meadowcroft, ein Duo für zwei Bassklarinetten und einen Motor. Die Motorengeräusche eines Sportwagens, werden vom Band eingespielt. Immer wieder klappt eine Tür, der Motor startet, Rager und Nabicht reagieren sanft darauf. Nur einzelne Töne, mal abwechselnd, mal gemeinsam. Das Surren des Motors verschwimmt mit dem Klang der Klarinetten.

Anstrengend ist ein Attribut, das oft im Zusammenhang mit Neuer Musik genannt wird. Denn man kann sich nicht von ihr berieseln lassen. „Wer sich die Zeit nimmt und ein bisschen zuhört, der stellt fest, dass die Stücke sehr fein komponiert sind“, sagt Winfried Rager. Auch er hört zu Hause keine Neue Musik, eher Johnny Cash. „Da müsste ich mich konzentrieren und dafür habe ich meist keine Ruhe.“

Die Konzentration aufs Hören kommt Menschen in einer extrem visuell geprägten Welt mehr und mehr abhanden. Jeder hört Musik, irgendwie, doch meist ist es eher ein Hintergrundrauschen. Die Spannung Zeitgenössischer Musik kann sich jedoch erst entfalten, wenn man sich darauf einlässt. Auf einmal werden alltägliche Geräusche interessant: Wie klingt ein Raum? Was höre ich? Was dominiert im Alltag?

Die kostenlosen Konzerte sind nur eine Form der KNM-Musiker, dieses bewusste Hören ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Beim Projekt „Gehörte Stadt“ schicken sie jeweils 25 Teilnehmer mit einer Schlafbrille vor den Augen mit persönlichen Führern durch verschiedene Stadtbezirke. Mit erstaunlichem Ergebnis: Wenn man nichts mehr sieht, wirken die Geräusche der Stadt auf einmal doppelt so laut, doppelt so intensiv. Das Knirschen des Kiesweges, hochhackige Schuhe auf dem Asphalt, eine Rolltreppe, das Klappern von Geschirr, Gesprächsfetzen. Wie viele Sprachen Unter den Linden gesprochen werden! Vier verschiedene Touren führen durch Charlottenburg, Prenzlauer Berg, Mitte und Kreuzberg.

Auch das geht im KNM-Universum nicht ohne musikalische Pädagogik. Unterwegs tauchen einige Musiker auf: Robin Hayward ahmt mit seiner Tuba Schritte nach, Rebecca Lenton imitiert mit der Querflöte Stimmen. Am zuvor unbekannten Zielpunkt tauschen sie und Theo Nabicht mit den Teilnehmern Erfahrungen aus und erklären, was sie gespielt haben und warum.

Überhaupt wird viel erklärt bei KNM, denn darum geht es schließlich. „Das Schöne an der Neuen Musik ist, dass wir jemandem etwas Neues zeigen können“, sagt Theo Nabicht, der eigentlich Jazzmusiker werden wollte. „Ich sehe mich selber als Mittler zwischen dem Komponisten und dem Publikum. Ich versuche diese Neugier an etwas Neuen weiterzugeben. Das ist eine unglaublich dankbare und schöne Aufgabe.“

Seit etwa drei Jahren versuchen die Musiker nun verstärkt, ein breiteres Publikum zu erreichen. Sie geben durchschnittlich ein Konzert in der Woche. Nie länger als 40 Minuten, um die Hemmschwelle niedrig zu halten, immer kostenlos, um den Erwartungsdruck zu senken – was sich das Ensemble nur leisten kann, weil es durch die Berliner Kulturverwaltung und die Kulturprojekte Berlin unterstützt wird. Ausgewählte Projekte werden auch durch den Hauptstadtkulturfonds und die Kulturstiftung des Bundes gefördert. Aufgrund der guten Zuschauerresonanz möchte Thomas Bruns das gern im kommenden Jahr fortführen. „Gerade in Berlin braucht es seine Zeit, so etwas zu etablieren“, sagt er. Inzwischen gebe es Leute, die wiederkommen.

Für viele, die an diesem Nachmittag zum ersten Mal mit Neuer Musik in Berührung kommen, wird es aber wohl das letzte Mal gewesen sein. Als sie das Konzert verlassen, wirken sie zufrieden, aber würden sie sich eine Konzertkarte kaufen? Die Programme nach neuer Musik durchforsten? Eher nicht. Dafür ist Zeitgenössisches nicht massentauglich genug. Das kostenpflichtige Konzert am heutigen Dienstag in der Kirche St. Elisabeth wird eher Fachpublikum anziehen. Doch um Neugier zu wecken und Berührungsängste abzubauen, dafür hat das KNM einen interessanten Weg gefunden.

Berlin after after work II: 20.9., 19 Uhr Kirche St. Elisabeth, Invalidenstraße 3. Lunchkonzert: 21.9., Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, Eintritt frei. „Gehörte Stadt“, Tour durch Charlottenburg, 21.9., 19 Uhr, Start am Haus der Berliner Festspiele.

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