Neue Musik : Polyrhythmischer Selbstläufer

Eine Dirigentin, zwei Flügel und zwei Percussionisten, die sich hinter rieseigen Burgen von Klangerzeugungswerkzeugen verstecken: Das Konzert von Berlin PianoPercussion ist aufwendig besetzt. Für einen besonderen Akzent sorgt die Lüftung im Konzerthaus.

Daniel Wixforth

Bei Neuer Musik weiß man ja nie so genau. Als im ersten Teil des Konzerts von Berlin PianoPercussion gleich zweimal ein bohrendes Geräusch von der Decke des Werner-Otto-Saals ertönt, da ist man fast sicher: Alltagsästhetik à la Johan Cage – hier gehört alles zum Werk! In Wahrheit ist es nur die Lüftung des Konzerthauses, zufällig angesprungen (auch das würde Cage gefallen!), und so setzt das fünfköpfige Ensemble sein Programm unbeirrt fort.

Der gesamte Abend, ein Plädoyer für diese ungewöhnliche, weil ungemein aufwendige Besetzung. Eine Dirigentin, zwei Flügel und zwei Percussionisten, die sich hinter rieseigen Burgen von Klangerzeugungswerkzeugen verstecken. Gongs, Becken, Congas, Xylophone: alles was den Namen Schlagwerk verdient, steht hier auf der Bühne. Dass fünf von sechs Werken Auftragskompositionen sind, erklärt sich im selben Atemzug. So sind es besonders die rhythmischen Filigrane, die bis ins kleinste Detail gedachten Verästelungen zeitlicher Abfolgen, in denen sich Werk und Besetzung an diesem Abend gegenseitig befruchten: bei Kee Yoong Chongs „Ursprung“ ergänzt durch das chinesische Traditionsinstrument Sheng, bei der Uraufführung von Georg Katzers „Exkurs über die Mechanik“ dargeboten als Wechselspiel zwischen Schlagwerk und Klavier, dass sich kontinuierlich zu einem polyrhythmischen Selbstläufer verdichtet. Die Klaviere, von Prodromos Symeonidis und Sawami Kiyoshi mit innigem Verständnis für Konstruktivismus gespielt, wechseln immer wieder die Funktion vom Klangfarbenspender zu gezupften und beklopften Percussionsinstrumenten.

Die zwei weiteren Uraufführungen machen zwischen rhythmisch-thematischer Charakteristik bei Michèle Reverdys „Which dreamed it?“ und minimalmusikalischen Endlospattern in Régis Campos „Eternal Sunshine.1“ eines deutlich: Die kompositorischen Grenzen für diese Besetzung sind durchaus weit gesteckt. Auch ohne Lüftung.

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