Neue Nationalgalerie : Mist als Mahnung

Martin Gostners Installation vor der Neuen Nationalgalerie will mit blauen Kothäufchen an verschollene Kunst erinnern.

Tomasz Kurianowicz
Für Spurenleser. Martin Gostners blauer (künstlicher!) Pferdemist erinnert an Franz Marcs verschollenes Gemälde „Turm der Blauen Pferde“. Foto: Thilo Rückeis
Für Spurenleser. Martin Gostners blauer (künstlicher!) Pferdemist erinnert an Franz Marcs verschollenes Gemälde „Turm der Blauen...Foto: Thilo Rückeis

Der Künstler Martin Gostner setzt bei seinem Werk „Der Erker der Blauen Pferde“ auf den Überraschungseffekt: Es hieß, seine neue Installation befinde sich im Außenbereich der Neuen Nationalgalerie, auf der Terrasse neben dem Haupteingang. Doch muss man sehr genau hinsehen, um die Arbeit zu finden. Außerdem sollte man tunlichst vor die Füße schauen, sonst könnte man in einen von sieben blauen Misthaufen treten. Das ist (fast) wörtlich gemeint: Gostner setzt sich durch das Positionieren von künstlichem Pferdekot mit dem Verschwinden des Gemäldes „Der Turm der Blauen Pferde“ auseinander, einem 1913 entstandenen Werk von Franz Marc im Geiste des Expressionismus, das von der Neuen Nationalgalerie 1919 erworben worden war und 1937 von den Nazis konfisziert wurde. Seitdem gilt das Bild als verschollen.

Das gibt Anlass für Fragen und Spekulationen: Wohin sind die „Pferde“ verschwunden? Wurde das Werk gestohlen oder hat man es verbrannt? Vermutungen, das Gemälde lagere in einem Schweizer Banksafe, konnten nicht bestätigt werden. Ebenso ist immer noch ungeklärt, ob das zu NS-Zeiten als „entartet“ disqualifizierte Bild zerstört oder als Kriegsbeute an einen geheimen Ort verfrachtet wurde. Nur eins ist sicher: Die Sache stinkt gewaltig.

Der Österreicher Gostner, Jahrgang 1957, geht mit dem Thema eher gelassen um. Er schafft mit seiner Installation eine ironische Imaginationsfläche, in der sich die Frage nach dem Verbleib des Werkes auf erfrischend unprätentiöse Weise stellt. Zugleich präsentiert er eine neue künstlerische Form, mit dem Erbe der NS-Kulturpolitik umzugehen und ohne Betroffenheitspathos mit ihm abzurechnen. Der Besucher ist gefragt: Er muss sich auf Spurensuche begeben, sich seine eigenen Gedanken machen und die Anspielungen wie bei einem Puzzle zusammensetzen. Wer mitmacht, wird belohnt – denn der Plan funktioniert: Angesichts der getrockneten, grotesk wirkenden Überbleibsel wünscht man sich umso dringlicher, dass die blauen Pferde dorthin zurückkommen, wo sie hingehören: in den Stall der Neuen Nationalgalerie. Bis dahin bleiben uns geruchslose Pferdeäpfel als stille Mahnung und Protest.

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