Neue Nationalgalerie und Kulturforum : Die Moderne muss warten

Ein Armutszeugnis: Berlin, die Hauptstadt der Moderne mit einer grandiosen Kunstsammlung, kann seine Schätze des 20. Jahrhunderts seit Jahrzehnten nicht angemessen präsentieren. Jetzt wird es noch schlimmer, weil sich der Bund einem Neubau verweigert.

von
Die Neue Nationalgalerie in Berlin.
Mies van der Rohe war einer der wichtigsten Architektur-Avantgardisten, die mit neuen Formen, Grundrissen und Materialien auf die...Foto: dpa

Alles drängelt, nichts geschieht. Alle beteuern die Dringlichkeit, arbeiten auf Hochtouren, aber das Museum der Moderne am Berliner Kulturforum bleibt ein Wolkenkuckucksheim. Ein Projekt, das in dieser Legislaturperiode nicht konkret angegangen wird. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls, wer mit denen spricht, die für Kultur im Bund zuständig sind. Es ist der Bundestag, der am Ende entscheidet. Auf der Tagesordnung steht das Museum bei den aktuellen Haushaltsberatungen allerdings nicht.

Ein Armutszeugnis. Berlin, die Hauptstadt der Moderne mit einer grandiosen Kunstsammlung der Moderne, kann seine Schätze des 20. Jahrhunderts seit Jahrzehnten nicht angemessen präsentieren. Die Architekturikone der Neuen Nationalgalerie ist zwar eine ebenso grandiose Heimstatt für sie, aber einfach zu klein. Spätestens seit der sukzessiven dreiteiligen Präsentation unter Museumschef Udo Kittelmann ist das schmerzlich bewusst. Mit der sanierungsbedingten Schließung des Mies-van-der-Rohe-Baus Ende des Jahres wird der Schmerz nur noch größer.

Beckmann, Kirchner, Dix und Grosz: Kunstschätze im Kulturforum

Es handelt sich um jene Kunst, die in der dynamischen Hochzeit der Moderne zwischen den Weltkriegen und davor in Berlin entstanden ist. Vieles davon wurde durch die Nazis vertrieben, vernichtet. Umso kostbarer das, was es noch gibt, von Beckmann, Kirchner, Liebermann, Dix und Grosz, um nur einige zu nennen. Auch die Kunst der DDR gehört zu den Beständen, Heisig, Tübke, Mattheuer, Freidenker wie Via Lewandowsky. Nicht zuletzt diese Schätze machen das Kulturforum „zum Kristallisationspunkt der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, wie Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen, es im Museumsstreit 2012 formuliert hat. 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, 25 Jahre nach dem Mauerfall ist Berlin dieser Historie besonders verpflichtet.

Anruf bei der Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Im August hatte sie sich gewünscht, dass der Bund beim Moderne-Museum „nicht allein dasteht, sondern es auch ein Mitwirken von der privaten Seite und von Berlin gibt“. Seltsamer Satz: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger der Staatlichen Museen liegt in der Hand des Bundes. Offenbar will Grütters die Öffentlichkeit schonend darauf vorbereiten, dass die Sache sich vorerst nicht realisieren lässt, jedenfalls nicht auf dem Dienstweg.

Zur Zukunft des Kulturforums in Berlin
Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut jedoch nichts. Hauptdarsteller auf der großen Freilichtbühne sind zwei Archetypen der Moderne: die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe als durch einen Sockel erhöhter Tempel klassischer Rationalität in Stahl und Glas und die frei bewegte Zeltarchitektur der Philharmonie von Scharoun.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Kuehn Malvezzi
19.05.2014 14:32Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut...

Wandert die als Schenkung versprochene Surrealisten-Sammlung Pietzsch nun doch nach Dresden?

Kurzer Blick zurück: Nach den öffentlichen Protesten gegen einen Umzug der Alten Meister an die Museumsinsel und die Umrüstung der Gemäldegalerie am Kulturforum zum Museum der Moderne hatte Grütters’ Amtsvorgänger Bernd Neumann eine Vergleichsstudie zur Standortfrage in Auftrag gegeben. Die anschließende Empfehlung der Stiftung, für die Moderne einen 170-Millionen-Euro-Erweiterungsbau hinter der Neuen Nationalgalerie ins Auge zu fassen, ist nun fast ein Jahr alt. Seitdem herrscht Funkstille. Abgesehen von Grütters’ Plädoyer für einen alternativen Standort direkt am Kulturforum. Und von gelegentlichen Appellen des Stiftungs-Präsidenten Hermann Parzinger. Er hofft auf eine „gemeinsame Richtungsentscheidung“ mit dem Hause Grütters noch in diesem Jahr.

Nun sagt Grütters’ Pressesprecher am Telefon, bevor das Thema ins Parlament komme, müsse es im Bundeskulturausschuss verhandelt werden. Also Anruf beim Kulturausschuss. Dort war Parzinger zuletzt am 19. März zu Gast. Wegen der zahlreichen Bau- und Sanierungsprojekte der Stiftung (Pergamonmuseum, James-Simon-Galerie, die Sanierung des Mies-Baus), nicht speziell wegen der Platznot bei der Moderne. Auch nicht wegen der dringlichen Frage, ob Berlin die als Schenkung zugesagte Surrealisten-Sammlung Pietzsch verliert und sie nach Dresden wandert. Mehrfach hatte das Sammlerpaar signalisiert, es sei des Wartens auf die in Aussicht gestellte Integration in eine erweiterte Moderne-Präsentation allmählich müde. Auskunft des Ausschuss-Büros: Der Kulturausschuss behandelt Themen nur dann, wenn die Kulturpolitiker der Fraktionen sie auf die Tagesordnung setzen.

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben