Neue Pop-Literatur-Welle : Die Flut kommt

Während die Popliteratur dahinsiecht, ist der Pop inzwischen selbst Teil der Buchwelt geworden. Verlage setzen verstärkt auf Bücher von und mit Popmusikern und über sie. Neu mit dabei: Tocotronic - na klar.

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Buchcover der Tocotronic Chroniken.
Pop in Buchform: Die Tocotronic Chroniken.Foto: promo / Verlag

Vergangene Woche gab es im Prince Charles, einem Club, der zum Aufbau-Haus am Moritzplatz gehört, eine Buchvorstellung der anderen Art. Gefeiert wurde das Erscheinen der Tocotronic-Chroniken, ein roter Backstein von Buch, mit haufenweise Memorabilia und Fotos der Band sowie Essays von Jens Balzer zu jedem der elf Tocotronic-Alben, erschienen bei Blumenbar, einem Imprint des Aufbau Verlags. Alle vier Bandmitglieder waren da und kommentierten, auf einem Sofa sitzend, mal mehr, mal weniger ironisch das, was da alles aus dem Archiv an Fundstücken und Fotos etc. auf einer Leinwand gezeigt wurde. Zwischendrin las Balzer Passagen aus seinen Texten.

Also der Live-Auftritt einer Band, die keine Musik spielt, sondern aus ihrem Leben plaudert. Pop in Buchform, sicher keine Literatur – und doch war seltsamerweise schwer auszumachen, ob sich an diesem Abend nun der Berliner Pop- oder der Literaturbetrieb ein Stelldichein gab. Der ganze Aufbau Verlag schien anwesend zu sein, von der Presseabteilung über das Lektorat bis zum verlegerischen Geschäftsführer himself, Gunnar Cynybulk, die Schriftsteller Jan Brandt und Jörg-Uwe Albig waren da, und auch so mancher Kollege und manche Kollegin, die hauptberuflich viel mehr mit Literatur und politischen Sachbüchern zu tun haben als mit Popmusik oder wenigstens Popbüchern.

Klar, mit Tocotronic sind auch viele Büchermenschen sozialisiert worden. Der Abend bestätigte jedoch den Trend, den es seit zwei, drei Jahren gibt: Verlage setzen wieder verstärkt auf Pop, auf Bücher von und mit Popmusikern und über sie. Die Popliteratur siecht dahin – hat es sie je gegeben? –, und der Pop ist inzwischen lieber selbst Teil der Buchwelt geworden, in Wort und Tat. Konnte man sich dieses Frühjahr schon kaum retten vor Musikerromanen, -biografien und -chroniken, von Jochen Distelmeyer über Kim Gordon bis eben zu Tocotronic, so schließt der Herbst nahtlos daran an.

Bei der Popbuchflut muss man sich warm anziehen

Zum Beispiel mit einer sogenannten Auto-Biografie von Neil Young (ja, geht wohl um Autos), „Special Deluxe“ betitelt. Oder mit dem ersten Roman des einstigen Tomte-Anführers Thees Ullmann, „Sophia, der Tod und ich“. Mit Tiergedichten der Wir-sind-Helden-Sängerin und Songschreiberin Judith Holofernes, „Du bellst vor dem falschen Baum“. Oder mit der Autobiografie des Einstürzende-Neubauten-Gitarristen Alexander Hacke, „Krach“. Oder mit einem Strunk-Schamoni-Palminger-, also einem Studio-Braun-Buch. Oder, und, oder, und, die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Wer sich bei dieser Popbuchflut warm anziehen muss: Joachim Lottmann, der letzte aufrechte, meist gesuchte, meist gefragte Popliterat, dessen neuer, Ende Juni erscheinender Roman „Happy End“ an dieser Stelle ja schon erwähnt wurde. Ob Lottmann irgendwann einmal im Borchardts-Popliteratur-Salon aufschlägt, beim Writers’ Thursday? Der findet wieder am 11. Juni statt, diesmal mit dabei: Sven Regener, Wolfgang Müller, Jackie Thomae, Westbam, Inga Humpe (die aus Kim Gordons Biografie liest) sowie, man höre und staune, Maxim Biller.

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