• Neue Pop-Tipps aus Berlin: Spreelectro: Berliner Techno und eine Tschechin, die Dubstep macht

Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Berliner Techno und eine Tschechin, die Dubstep macht

In unserer Serie "Spreelectro" stellt der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher Gutes aus der Hauptstadt vor. Dieses Mal beschäftigt er sich mit einem wahren Veteranen der elektronischen Musik, Westbam, dem "Godfather of Techno", Juan Atkins und einer Tschechin, die vielleicht mal irgendwann die Welt retten möchte.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Westbam – Götterstrasse (Vertigo)

Wäre doch nur nicht dieser Titel „Götterstrasse“! Dann könnte man, echte Ausnahme, tatsächlich mal ein Westbam-Album komplett loben. So aber bleibt hängen: Dieser seit Jahrzehnten in Berlin lebende Maximilian Lenz hält sich tatsächlich immer noch für den Größten. Das macht ihn, obwohl er doch eigentlich etwas ziemlich Sympathisches hat, auch ein bisschen unsympathisch.

So war das allerdings schon immer: In den Rave-Anfangstagen pries Lenz alias Westbam den Beginn des DJ-Zeitalters und das damit verbundene Ende des Rock-Starkultes. Wenn es um die eigene Person und den eigenen Lifestyle ging, nahm es Westbam mit „No more fucking Rock’n’Roll!“ allerdings nicht ganz so ernst. Und während er nach außen noch den Underground hochleben ließ, brachte er die eigenen Schäfchen ins Trockene.

Egal, all das war gestern, heute ist Götterspeise, ähh, Götterstrasse! Eine ganze Reihe von leicht sentimentalen, angenehm zurückhaltenden Tracks, auf denen die Stimmen von Kanye West, Lil’ Wayne, Brian Molko (von Placebo), Bernard Sumner (von New Order), Richard Butler (von den Psychedelic Furs), 2-Raumwohnung und anderen zu finden sind. Was genau an diesen Tracks von Westbam stammt? Schwer zu sagen, denn für das musikalische Gerüst von Westbam-Tracks sorgt ja eigentlich schon seit immer sein Produzent Klaus Jankuhn. Zwiespalt, du bleibst uns also auch im Jahr 2013 erhalten.

 

Emika – DVA (Ninja Tune)

Sie nennt sich Emika, eigentlich aber heißt sie Ema Jolly, ihre Eltern kommen aus Tschechien, sie ist in England aufgewachsen und wohnt mittlerweile in Berlin. So hat eine moderne Musikerkarriere auszusehen! „DVA“ (tschechisch für „zwei“) ist Emikas neues Album, es kommt nur anderthalb Jahre nach ihrem Debüt und zeigt, was sich in so einer kurzen Zeit tun kann: Die interessanten elektronischen Spielereien der Anfangszeit sind mittlerweile richtig guten Songs gewichen.

Songs, die mal an Techno und House kratzen, mal auf einem Dubstep-Bett schweben, die einen bewegen, verstören, erfreuen. Sogar einem immer noch schönen, aber eigentlich totgenudelten Song wie Chris Isaaks „Wicked Game“ haucht sie neues Leben ein. Zusammengefasst: Songs, die klingen, wie echte anspruchsvolle Popmusik 2013 nun einmal klingen sollte. Da wären wir also wieder bei der modernen Musikerkarriere! Auf Facebook fragte Emika vor kurzem, was sie denn nun machen sollte, jetzt, da ihr zweites, ganz alleine gemachtes Album fertig sei. Musikerin allein scheint ihr nicht mehr zu genügen. Kinder kriegen? Die Welt retten? Ich weiß es auch nicht. Vielleicht einfach nach „DVA“ Album Nummer „TRI“ folgen lassen.

 

Juan Atkins – 20 Years 1985 - 2005 (Tresor)

Kinder, wie die Zeit verfliegt! Gestern noch (also in den 80er) haben wir uns über die langhaarige Hardrock-Fraktion lustig gemacht, die einfach nicht wahrhaben wollte, dass die Zeit ihrer Gitarrengötter vorbei war, heute sind wir selbst die Ewiggestrigen, die seit 25, 30 Jahren der elektronischen Musik nachhängen. Aber es ist ja auch zu verführerisch: In den Berliner Clubs laufen House und Techno (und ihr Dubstep-Nachwuchs), als wären diese Spielarten der elektronischen Musik nicht im letzten Jahrtausend, sondern gerade eben erst erfunden worden.

Die Erfinder aber kommen selbst in die Jahre. Juan Atkins etwa ist auch schon 50. Ein Name, der ungerechterweise nicht soooo geläufig ist, dabei trägt Atkins zu recht den Titel „Godfather of Techno“, der Pate der Technomusik. Anfang der 80er lieferte er als „Cybotron“ extrem futuristisch anmutenden Electro. 1985 dann das erste Techno-Stück überhaupt:„No Ufos“.

Es geht sogar das Gerücht, dass Kraftwerk einst ein Album einstampfen ließen, weil Atkins mit seinem Projekt Cybotron soundmäßig so viel weiter vorn gelegen habe. Ein Gerücht, klar, aber eines, das zeigt, welche Bedeutung Atkins eben hatte. Auf dieser Doppel-CD vom Berliner Label Tresor (noch so eine Legende) finden sich die meisten Meilensteine Atkins’.

Die 20 Jahre im Titel beziehen sich übrigens auf sein eigenes Plattenlabel „Metroplex“, die Songs selbst sind zum Teil noch älter – so alt, dass ich schon als kleiner Bubi dazu Breakdance betrieben habe. Sag ich doch: Die Zeit verfliegt!

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