Neue Romantrilogie : Cornelia Funke: Das Schöne und das Schröckliche

Hauptsache Abenteuer: Cornelia Funke schreibt Grimms Märchen um und eröffnet mit "Reckless" eine neue Romantrilogie.

Sylvia Schwab
Gebieterin über das Fantastische. Bestsellerautorin Cornelia Funke.
Gebieterin über das Fantastische. Bestsellerautorin Cornelia Funke.Foto: Imago

Eines kann man Cornelia Funke nicht vorwerfen: Dass sie mit ihren Romanen auf der weltweiten Fantasy-Welle mitschwimme. Vielmehr entwickelte sie schon in den achtziger Jahren, bevor es überall zu pottern begann, ihre ganz eigene Fantasiewelt für junge Leser. In Büchern über Gespenster und Kobolde lieferte sie Kindern gruselig-witzigen Lesestoff, während sie Jugendlichen mit „Drachenreiter“ und „Herr der Diebe“ atmosphärisch dichte Fantasy bot. Ihre Tinten-Trilogie schließlich, in der Schreiben und Lesen als magische Fähigkeiten gedeutet werden, konnte auch den Augen gestrenger Rezensenten standhalten.

„Reckless. Steinernes Fleisch“ lautet der eher eklig als magisch klingende Titel des ersten Bandes einer neuen Trilogie. Zeitgleich erscheint er in den USA und mehreren europäischen Ländern, die deutsche Startauflage beträgt 350 000 Exemplare. Das Hörbuch ist fertig, Aktionspakete für die Buchhandlungen einschließlich Deko-Fahnen stehen bereit, und der Verlagskatalog kündigt den „Roman des Jahres“ an. Gewidmet hat ihn die Autorin dem Harry-Potter-Filmproduzenten Lionel Wigram, er hat die Geschichte auch maßgeblich mitentwickelt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

„Reckless“ entführt seine Leser in eine Welt, die nur durch einen Spiegel zu betreten ist, der in einem New Yorker Apartment von heute hängt. In dieser phantastischen Spiegelwelt bekriegen sich seit Jahrhunderten die Menschen und die Goyl, menschenähnliche Wesen aus „steinernem Fleisch“, schön und kalt wie Malachit, Jaspis oder – natürlich – Blutstein.

Während die Goyl in labyrinthisch angelegten unterirdischen Burgen und Höhlen leben, wohnen die Menschen in düsteren, kopfsteingepflasterten Städten. Jahrhunderte lang waren sie die Unterdrücker, nun hat sich das Blatt gewendet: Die Goyl unter ihrem König Kami’en und dessen unsterblicher Geliebter, der Bösen Fee, können der Menschenkaiserin Therese von Austrien den Frieden diktieren.

So weit, so fantastisch. Doch auch die Technik hat schon Einzug gehalten hinter dem Spiegel. Züge ziehen durch das Zauberland, Industrieanlagen verpesten die magische Aura und ein Flugzeug rettet aus höchster Not. Hier wirkt es allerdings so deplatziert wie ein Drache auf dem Alexanderplatz.

In diese Spiegelwelt sind zwei Brüder aus New York geraten, Jacob und Will Reckless. So bedeutungsvoll wie ihr Familienname ist – reckless meint tapfer, waghalsig – so deutlich winken auch ihre Vornamen mit dem Zaunpfahl: Sie sind die geistigen Söhne von Jacob und Wilhelm Grimm, und als Märchen-Mix voller Grimm’scher Motive stellt sich der Roman auch bald heraus.

Doch zunächst die Fakten. Die vaterlosen Brüder geraten in der Spiegelwelt zwischen die Fronten von Menschen und Goyl. Will, der Jüngere, wird verletzt und droht zu versteinern, Jacob, der Ältere, will ihn retten. Dazu muss er – typisch Märchen – immer neue blutige Kämpfe und gefährliche Abenteuer bestehen und bekommt nach einem dramatischen Finale Wills Leben von der Bösen Fee geschenkt. Der Preis: sein eigenes Leben. Allerdings bleibt ihm noch ein Jahr, und dem Leser bleiben zwei weitere Bände.

„Es war einmal“ heißt das erste, „Und wenn sie nicht gestorben sind“ das letzte Kapitel der grimmigen Geschichte. Kommen die vielen Anspielungen zunächst spielerisch daher – Jacob ist Schatzhändler und verscherbelt die Grimm’schen Märchenutensilien wie Tischleindeckdich, Gläserner Schuh oder Goldener Ball –, so wirken sie auf Dauer wie an den Rapunzelhaaren herbeigezogen. Auch die Idee, die Märchen gegen den Strich zu lesen – der junge Prinz hängt tot in den Dornen und Dornröschen sieht ganz schön alt aus – trägt den Roman nicht auf Dauer.

Neben der Grimm’schen Welt kennt Cornelia Funkes Erfindungsreichtum kaum Grenzen. Ob surreale Bauten oder perfide Kampfmonster, herrliche Paläste oder verführerische Feen, sie schwelgt in schröcklich-schönen Schilderungen. Das Geschehen jagt den Leser von blutigen zu blumigen Szenen, aus idyllischen Landschaften in finstere Höhlen. Man sieht den Film schon förmlich vor sich.

Was bleibt, ist der Eindruck einer postmodernen Konstruktion, in der verschiedene Erzählwelten, Genres und Motive intelligent vernetzt, aber nicht wirklich zu einer Einheit zusammengewoben werden. Funkes langer Erzählatem verzettelt sich in zufälligen Abenteuern und Aktionen, ihre Figuren bleiben blass trotz großer Gefühle. Auch der Schluss überzeugt nicht wirklich, denn er entspringt keiner Entwicklung, sondern einer Laune der Bösen Fee. Verführerisch raunt Cornelia Funkes Sprache durch das Spiegelland, um dann desto düsterer zu dräuen. Unzählige Metaphern schmiegen sich um ihre Gestalten, liebkosen sie in süßlichen Sätzen und pathetischen Vergleichen. Wenn „Verstand in Angst“, „Schmerz in Schönheit“ oder „Augen in Gold“ ertrinken, dann droht der Text, baden zu gehen. Wie schön, dass noch zwei Bände folgen , da lässt sich manches wieder gutmachen.

Cornelia Funke: Reckless. Steinernes Fleisch. Roman. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2010. 450 Seiten, 19,95 €.

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