Neue Secession : Reiter der Apokalypse

Der harte Kampf um die Moderne: Eine Ausstellung am Pariser Platz rekonstruiert die Neue Secession, die bislang nur als Fußnote in die Kunstgeschichte eingegangen ist.

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„Der kommerzienrätliche Vater ist gänzlich misslungen“, urteilte die Kritik über Tapperts „Loth und seine Töchter“ (1911). Das Bild, heute in der Berlinischen Galerie, wurde in der III. Ausstellung der Neuen Secession gezeigt.
„Der kommerzienrätliche Vater ist gänzlich misslungen“, urteilte die Kritik über Tapperts „Loth und seine Töchter“ (1911). Das...Foto: Georg-Tappert-Stiftung Schleswig / VG Bild-Kunst Bonn 2011

Die zeitgenössische Kunstkritik langte kräftig zu. Die „Breslauer Zeitung“ befand, man könne diese Kunst nur ertragen, wenn man „sehr, sehr weit davon stünde oder in einem D-Zug daran vorbeiführe“. Aus der Nähe sah der Kritiker eine „dickköpfige, schlitzäugige Schöne mit verrenkten, grünlichen Gliedern“ und hielt sie für eine „akrobatisch veranlagte Wasserleiche“. Auf einem anderen Bild entdeckte er „die hässlichste Frau, die mir in meinem Leben begegnet ist; und weiß der Himmel, Reisen im Orient haben mich nicht verwöhnt“. Und weiter geht’s im Kunstrundgang: „Eine Dame mit Hut hängt in der Nähe und sieht in den Spiegel. Sie sollte das nicht tun. Das führt zum Selbstmord!“

Was hier beschrieben wird, ist der erste Auftritt der Brücke-Künstler in Berlin. Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Otto Müller und Erich Heckel präsentierten am 15. Mai 1910 ihre Bilder im Kunstsalon Maximilian Macht gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Der Raum, knallrot gestrichen, in dem die Brücke-Bilder hingen, hieß in der Presse nur die „Schreckenskammer“. Das Publikum reagierte nicht weniger extrem, bespuckte die Werke, bekritzelte die Rahmen, ja ein Akt von Max Pechstein wurde sogar mit einem Nagel durchbohrt. Anlass für die ganze Aufregung war die „Ausstellung von Werken Zurückgewiesener der Berliner Secession“. Dahinter stand ein Kunststreit, wie ihn die Reichshauptstadt in jenen wilden Jahren nicht wenige erlebte.

Die „Zurückgewiesenen der Berliner Secession“, das waren die Künstler um Georg Tappert, die die Jury unter Max Liebermann nicht zur Secessionsausstellung zugelassen hatte. 1910 hatte sich ihre Zahl derart auffällig vergrößert, dass zu vermuten war, hier sollte eine neue Generation und ihre Kunst ausgeschlossen werden. Max Liebermann und seine Mitstreiter, die selbst 20 Jahre zuvor aus Protest gegen die Nichtzulassung zum Berliner Kunstsalon die Berliner Secession gegründet hatten, waren im Status der Erbhofpflege angekommen. Die neuen Wilden, die später unter dem Begriff Expressionisten erfasst wurden, waren ihnen suspekt. Von Liebermann ist die unschöne Äußerung überliefert, Leute wie Schmitt-Rottluff sollten jeden Morgen von Staats wegen erst einmal Arschwichse bekommen.

Ausgerechnet im Max Liebermann-Haus nun unternimmt die Kunsthistorikerin Anke Daemgen im Auftrag der Stiftung Brandenburger Tor unter dem Titel „Liebermanns Gegner“ die Aufgabe, diese dramatische Epoche Berliner Kunstpolitik zu rekonstruieren. Die nur vier Jahre lang bestehende Neue Secession, die mit den Brücke- und Blauen-Reiter-Malern einige der Künstlerstars der kommenden Jahre versammelte, ist bislang nur als Fußnote in die Kunstgeschichte eingegangen. Das Unternehmen, die sieben Ausstellungen, die die Neue Secession von 1910 bis 1914 in Berlin veranstaltete, zu rekonstruieren und die oft in Privatbesitz befindlichen Bilder aufzutreiben, ist tatsächlich wertvolle Basisarbeit in einem Bereich, den man kunsthistorisch umfassend aufgearbeitet glaubte.

Die Kritiker, die „geballtes Gras und Himbeersoße“ auf den Bildern erkannten, „Köpfe im Mohrrübenstil“, „wie bemalte Ostereier“ oder „seekranke Pfannkuchen“ und angesichts von Georg Tapperts „Loth und seine Töchter“ witzelten, nicht Loth, sondern die Töchter seien offenbar betrunken, hatten zumindest Recht, was die Farbigkeit angeht. Im Max Liebermann-Haus ist ein Fest der Farben zu erleben, leuchtende Tänzer und Akrobaten, Landschaften und Badende, wie man sie von der Brücke kennt. Und daneben Künstler, die zu Unrecht vergessen sind, wie die beide im ersten Weltkrieg gefallenen Wilhelm Morgner und Hermann Stenner. Leihgaben aus Privatbesitz werfen tatsächlich noch einmal ein neues Bild auf die sattsam bekannten Expressionisten.

Die Neue Secession geriet übrigens schnell in Turbulenzen. Schon zwei Jahre später zogen Max Pechstein und die Brücke-Künstler beleidigt ab, weil der ungeniert in eigener Sache agitierende Pechstein nicht mehr zum Vorsitzenden gewählt worden war. In München hatte sich unterdessen die Gruppe des Blauen Reiters von der Neuen Künstlervereinigung München getrennt. Und ein Künstler wie Willy Jaeckel, der zur letzten Kunstausstellung der Neuen Secession hinzustieß, beklagte sich bitter, sein Bild werde „totgehängt“ und er selbst „provozierend in den Hintergrund gedrängt“ – also zog er seine Beiträge wieder ab: Da war die Neue Secession selbst restriktiv geworden. Streit, Abspaltung, Zurückweisung, Verleumdung und Ablehnung haben die Geburt der modernen Kunst begleitet, auch in der Künstlerschaft selbst.

Der eigentliche Verlierer jedoch ist der Hausherr Max Liebermann. Die Abspaltung der Neuen Secession hatte er im Mai 1910 noch überstanden. Doch eine harsche Kritik an Emil Nolde, die diesen zu einem Schmähbrief gegen Liebermann veranlasste, brachte die Secession wenig später an den Rand der Auflösung. Man beschloss – gegen das Votum Liebermanns – den Ausschluss Noldes, der prompt mit einem Anwalt drohte. Liebermann trat daraufhin von seinem Vorsitz zurück und zog sich in sein neues Refugium am Wannsee zurück. Georg Tappert notierte Jahre später: „Liebermann war empört und ließ mir sagen, er würde diesen Angriff auf die Berliner Secession nie vergessen.“ Ein kleinformatiges Gartenbild kündet in der Ausstellung von dem Idyll am Wannsee, das Max Liebermann fortan den erregten Berliner Künstlerdebatten vorzog. Es packt einen tatsächlich so etwas wie Mitgefühl mit dem gekränkten Künstlerfürsten.

Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, bis 3. Juli, danach Schloss Gottorf, Schleswig. Katalog (Wienand Verlag) 29,80 €.

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