Kultur : Neue Talente

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Seit 1991 ist Walter Levin, der Primarius des LaSalle Quartetts, Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg - jährlich verbringt er hier mit einem jungen Streichquartett eine intensive Arbeitsphase. Mit dem Minguet- und dem Vogler-Quartett hat er schon Werke erarbeitet, nun begleitet er seit drei Jahren den Weg des Lübecker Artemis Quartetts. Neben dem zweiten Quartett von Schönberg stand ein weiteres zentrales Werk unseres Jahrhunderts im Zentrum der letzten, dreimonatigen Zusammenarbeit: das zweite Streichquartett von György Ligeti, 1968 komponiert für das LaSalle Quartett. Es bildete nun den Mittelpunkt des Konzerts im Kammermusiksaal der Philharmonie, mit dem das Artemis Quartett seine Arbeit einem breiteren Publikum vorstellte.

Das Ergebnis ist sensationell: Heime Müller, Natalia Prischepenko, Volker Jacobsen und Eckart Runge spielen die fünf Sätze mit einer schier atemberaubenden Leichtigkeit, die alle technischen und interpretatorischen Schwierigkeiten des Werks vergessen macht. Vom ersten, gewaltigen Pizzicato an, das in die spannungsvoll-konzentrierte Stille hereinbricht, eröffnen die vier Musiker eine faszinierende Klangwelt, in die sie das Publikum wie in einen spannenden Krimi mit hineinziehen. Gebannt folgt man den den abrupten Wechseln, jähen Einbrüchen, plötzlichen Tempo- und Gestaltänderungen, die doch stets als unterschiedliche Erscheinungen einer zentralen musikalischen Idee erkennbar bleiben.

Die Arbeit mit äußerst komplexen Rhythmen, differenzierter Dynamik, verschiedensten Klangfarben und extremen Schnelligkeitsgraden erzieht notwendig zu größerer Genauigkeit auch bei der Interpretation älterer Musik - dieses künstlerische Credo von Walter Levin bewahrheitete sich im weiteren Programm des Artemis Quartetts. Mit selten gehörter Phrasierungspräzision, mit viel Ruhe und Sinn fürs Detail spielten die Lübecker Musiker Mozarts d-Moll-Quartett (KV 421), für das sie etwa vierzig Minuten brauchten. Voller Verve ließen sie in Hugo Wolfs entzückender "Italienische Serenade" die südländischen Rhythmen tanzen. Mit dem Quartett von Giuseppe Verdi schließlich führte das Artemis Quartett gänzlich auf die Seitenwege der Gattungsgeschichte, auf denen es keineswegs nur wunderbar fließende Belcanto-Linien zu entdecken gibt, wie diese Interpretation eindrucksvoll hörbar machte.

Spielt man so konzentriert und kompetent, dann kann man auch vermeintlich Sprödes wie Bartóks Allegretto pizzicato (das nun wie eine Vorstudie zu Ligeti klingt) und den vierten Satz aus Weberns Opus 5 als Zugaben spielen - und das Publikum dankt begeistert. Wenn das Artemis Quartett weiter den eingeschlagenen Weg geht, wenn es langsam und intensiv Werke erarbeitet, den interpretatorischen Blick durch die Moderne schärft und sich nicht von den Mühlen des Musikmarktes gängeln läßt, so gehört dem Ensemble eine ganz große Zukunft.

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