Kultur : Neue Ufer

Kunst aus China verkauft sich prächtig – doch wie nimmt das Land seine eigene aktuelle Kunst wahr?

Annegret Erhard

Die Managerin der Galerie White Cube berlinert. Das klingt charmant im Herzen von Pekings riesigem Kunstviertel „798“: Yuan Tian ist Chinesin und hat an der Berliner Akademie studiert. Das sind beste Voraussetzungen, um den Kunstbetrieb hier wie dort zu verstehen oder zumindest die schier unüberwindbare kulturelle Divergenz von Ost und West in Zeiten rasanten Wandels zu durchschauen. Wenn also Galerist Alexander Ochs erwägt, seine von Tian geleitete Dependance in Peking aus dem Avantgarde-Zentrum zu verlegen, weil der „Art District“ atemberaubend schnell zum Touristenmagnet mit all seinen Begleiterscheinungen mutiert ist, dann rät sie dringend ab.

Es gäbe noch genügend gute Galerien, Red Gate zum Beispiel und Arario. Außerdem kämen nicht nur ignorante Touristen, die ihr Programm abspulen – und der sogenannte Art District ist inzwischen ein Programmpunkt für chinesische wie andere Besucher der Stadt, gleichbedeutend mit der chinesischen Mauer und der Verbotenen Stadt. Man müsse das anders sehen: Es kommen Zigtausende, und die haben hier die landesweit einzige und beste Möglichkeit, dicht gedrängt chinesische Avantgarde wahrzunehmen. Der Dashanzi District, so heißt das einstige Rüstungsfabrikgelände, als massenkompatibles Areal der Geschmacksbildung – und seit 2001 mit Künstlerateliers, der Kunstbuchhandlung und international agierenden Galerien Anlaufstelle für Sammler und Kunstkäufer. Wenn nun auch das „ Ullens Center for Contemporary Art“, das an diesem Wochenende eröffnet, hält, was es verspricht, dann ist mit diesem Museum eine weitere Basis für ein nachhaltig tragbares Niveau geschaffen.

Das belgische Ehepaar Ullens sammelt seit Jahren nicht nur zeitgenössische chinesische Kunst und etabliert sich nun mit einer eigenen Institution, deren Errichtung ausgezeichnete Kenntnis der politischen Verhältnisse voraussetzte. So wie das Sammeln chinesischer Gegenwartskunst eine exakte und mit viel Realitätssinn grundierte Kenntnis der kulturellen wie gesellschaftlichen Entwicklungsstränge voraussetzt. Dem Diplomatensohn Guy Ullens ist China seit seiner Kindheit vertraut, in den späten achtziger, den neunziger Jahren war der Food-Tycoon dort häufig aus geschäftlichen Gründen. Sie waren, wie er sagt, allerdings weit weniger fruchtbar als seine parallel dazu entstandenen Kontakte zu jenen chinesischen Künstlern, die gerade begannen, sich aus der Abhängigkeit von Regierung und Partei zu lösen, ihre Ikonographie in einer Zeit unüberschaubarer Entwicklungen zu untersuchen und ein Vokabular zu erstellen, das ihre Rolle und ihre Wahrnehmung beschreiben konnte.

Damit ist man an den entscheidenden Punkt gelangt, den Alexander Ochs so genau trifft, wenn er erklärt, die ersten westlichen Sammler seien diejenigen gewesen, die China kannten, seiner Kultur zugetan waren, oder die in vielen Facetten, gelinde gesagt, sonderbare Mentalität etwa chinesischer Geschäftsleute gründlich erlebt haben. Wer sich nicht auskennt, ist hilflos – wer Einblick hat, kann genießen.

Der Sammler Uli Sigg, das Berliner Sammlerehepaar Hofmann, sie alle hatten Kontakt zur Kultur des Landes, als sie sich entschlossen, chinesische Kunst zu sammeln. Freilich waren auch die Preise in jenen Jahren moderat, nicht zuletzt deshalb, weil im Land selbst Gegenwartskunst längst nicht den aktuellen Stellenwert hatte. Chinesische Sammler kaufen bis heute bevorzugt und zu hohen Preisen, was ihnen während der Kulturrevolution verwehrt war oder weggenommen wurde: alte Gemälde, Kalligraphien, Cloisonné-Objekte, Porzellan, Rhinozerosschnitzereien. Und sie zahlen viel dafür.

Auktionshäuser wie China Guardian und Poly Auctions in Peking machen jeweils zwei Drittel ihres Umsatzes mit alter Kunst und wertvollem Kunsthandwerk. In Hongkong, wo Sotheby’s und Christie’s traditionell das Sagen haben, ist das nicht anders. Hinzu kommt, dass die Ausfuhrgesetze nicht denen der Volksrepublik entsprechen: Vieles, was in Peking mit Exportverbot belegt wäre, kann von hier aus das Land in Richtung USA oder Korea verlassen. In Hongkong wird die Gegenwartskunst allerdings auch höher bewertet: Man orientiert sich an den Preisen von London und New York. Aktuelle Kunst ist in Peking, Shanghai und Chengdu ohnehin recht zögerlich ab der Jahrtausendwende angekommen.

Auch in diesem Teil der Welt gehört das Sammeln zur kultivierten Lebensgestaltung, und wer sein historisches kulturelles Gedächtnis originär und zeitgemäß gespiegelt sieht, der wird die künstlerische Dimension eines zeitgenössischen Gemäldes entsprechend beurteilen – und bewerten.

Es sind überwiegend chinesische Käufer im In- und Ausland, die exorbitante Preise zahlen und sich auf Auktionen in der Regel nur am Telefon beteiligen, Als kürzlich die Sammlung Farber bei Phillips de Pury & Company in London versteigert wurde, waren die wenigen Saalbieter fast ausnahmslos über das Handy mit ihrem Auftraggeber verbundene Agenten. Angeblich war die Sammlung garantiert, das heißt, das Haus hat dem Eigentümer einen bestimmten Erlös bereits vor der Versteigerung zugesagt, doch war man nach kurzer Zeit bereits weit über der Gesamttaxe angelangt. Maßgeblichen Anteil daran hatte Zeng Fanzhis Triptychon aus seiner „Xiehe Hospital“-Serie, das von 500 000 Pfund auf 1,8 Millionen Pfund gesteigert wurde, eine expressionistisch überhöhte, die christliche Ikonographie aufgreifende Akademiearbeit mit starken sozio-politischen Verweisen. Der heute 45-jährige Künstler ist einer der Stars, der sich inzwischen allerdings fast ausschließlich dem Porträt widmet.

Die unvermeidliche Klage über den „Wahnsinn“ solcher Preise und die Mutmaßung, dass diese Bilder bald schon nicht mehr zu diesen Preisen gehandelt werden könnten, zielt ins Leere. Die Käufer und Sammler, die in diesen Dimensionen agieren, haben viel Geld und es in meist harter, sicherlich auch rücksichtsloser Konkurrenz verdient durch Geschäfte an der in jüngster Vergangenheit außer Rand und Band geratenen chinesischen Börse. Sie kaufen aus Prestige, Kalkül oder einfach so. Auf jeden Fall können sie es sich jetzt leisten. Es ist die kommunistisch geprägte, sino-kapitalistische Spielart. Der Preis, der auf einer Auktion entsteht, ist in diesen Flughöhen einem gerüttelten Maß an Emotionen zu verdanken: Er entsteht schnell. Und für Geschwindigkeit haben die Chinesen nach Jahrzehnten der Lethargie größtes Verständnis. Finanzielle Verluste werden gern als Kollateralschaden verbucht.

Was den momentanen Hype viel mehr gefährdet, ist die Fokussierung auf im Grunde genommen nur wenige Künstler, die in den Museen, aber auch in den großen Galerien und Auktionshäusern vertreten sind. Eine gefährliche, aber sich derzeit bereits abzeichnende Überlast, die Begehrlichkeit und Investitionsbereitschaft für die immer gleichen Werke und Namen in naher Zukunft schwinden lassen könnte. Private ausländische Institutionen wie das neue „Ullens Center for Contemporary Art“, die über starke Außenwirkung verfügen, könnten eine größere Bandbreite künstlerischer Positionen und deren Akzeptanz erwirken – vorausgesetzt, die chinesischen Behörden und Regierungsvertreter haben sie als autonome Botschafter der Volksrepublik akzeptiert und schätzen sie.

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