Kultur : Neue Zeichen

Der griechische Kulturminister auf der ITB.

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Die Welt ist himmelmeeresblau in Halle 2.2. Hier sind die Griechen. Alles könnte so schön und einfach sein, hätte das Jahr nur vier oder fünf Wochen. Dann könnten auch jene Länder, in denen man am liebsten seinen Urlaub verbringt, nicht so viele Schulden machen. Ewiger Sommer herrscht auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin. Am heutigen Sonntagabend ist diese Messe dann auch gelesen. Die Traumbühnenbilder werden eingerollt, und es gibt wieder blaue Briefe.

„Die gegenwärtige Krise bietet unseren beiden Ländern die Chance, ihre Beziehungen zu vertiefen und neu zu definieren, kulturell, wirtschaftlich, politisch. Die Krise ist ein Weckruf“, sagt Pavlos Geroulanos. Er ist seit zwei Jahren Griechenlands Minister für Kultur und Tourismus. Es sei wie in einer Ehe oder Freundschaft, die in schwere Wetter geraten ist – und dann entscheide man sich, doch und nun erst recht zusammenzubleiben. Eine Katharsis also. Schuldenschnitt, Ende der Schuldzuweisungen?

Ein Gespräch am griechischen Stand, im Getümmel. Pavlos Geroulanos, Jahrgang 1966, ist Ökonom, er hat in London, in Harvard und am MIT studiert. Er findet: „Die Strukturen der Europäischen Union waren zu schwach, die Krise aufzuhalten. Sie ist zwei Staaten, den Griechen und den Deutschen, auf die Füße gefallen. Und die Brüsseler Bürokratie war nicht da, als man sie brauchte, also hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Lücke ausgefüllt, und damit hat sie sich nicht nur Freunde gemacht.“

Geroulanos fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Oder ist es Trotz, wenn er erklärt, dass die großen griechischen Kulturinstitutionen eine 25-prozentige Budgetkürzung aushalten mussten, aber mit den geringeren Mitteln jetzt mehr auf die Beine stellen? Womöglich ist es das versteckte Eingeständnis, dass in der Vergangenheit auch in der Kultur recht lässig mit Geld umgegangen wurde. Um ein Viertel gekürzte Etats: in Deutschland nicht auszudenken, Ende, Untergang!

Geroulanos will auch inhaltlich reformieren. 90 Prozent der Kulturmittel seines Ministeriums fließen in die Pflege des antiken Erbes, nur zehn Prozent werden für Zeitgenössisches ausgegeben. Ein Missverhältnis, klagt der Mann von Papandreous Pasok-Partei. Die Griechen könnten sich überhaupt besser darstellen, vielfältiger, offener: „Griechenland muss sich seines ganzen historischen Reichtums, seiner Geschichte besinnen. Wir haben die kykladische Kultur, Alexander den Großen und seine Makedonen, die bis Indien vordrangen, wir haben Byzanz, wir haben den Einfluss des Balkans und des Ottomanischen Reichs und der jüdischen Kultur.“ Thessaloniki im Norden, Griechenlands zweitgrößte Stadt, war nach Konstantinopel einst auch die zweite Stadt im byzantinischen Vielvölkerreich, mittelmeerische Metropole am Rande, Schmelztiegel. Auf Besucher wirkt Thessaloniki dynamischer, jünger als Athen.

Was Geroulanos da entwickelt, kommt einer Revision des Griechenlandklischees nahe. Die Kykladen-Männchen, von denen die abstrakte Kunst des 20. Jahrhunderts so viel übernommen hat, sind zweitausend Jahre älter als die Athener Klassik, und Byzanz ging 1453 unter. Allerdings hat der Westen das einseitige, edle Bild der Hellenen kräftig mitgeprägt. In den 1830er Jahren, bei der Gründung des modernen griechischen Staats, folgten die Schutzmächte, Engländer und Deutsche, ihren eigenen antiken Idealen. Worauf sonst hätten sie bauen sollen?

Geroulanos beschreibt die griechische Mentalität als Problem von Kindern einer „berühmten alten Familie“: Man kann es als Bürde empfinden und darunter leiden oder man zieht Vorteil daraus und baut etwas Neues auf. Der Minister verbreitet einen verkaterten Optimismus. Beim Betreten des Messegeländes fiel ihm ein großes Poster mit einem Christus-Bild auf. Er freute sich nur kurz. Die byzantinische Wandmalerei war Tourismuswerbung für die Türkei. Rüdiger Schaper

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