Neue Zeitschriften : Ein bisschen Trotz muss sein

Politische Manifeste haben in der Literatur Tradition, vor allem in Frankreich. Aber manche haben auch eine sehr kurze Halbwertszeit.

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Der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio.
Der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio.Foto: AFP/ MARC LE CHELARD

Am Ende, wenn man sich durch einen Parcours von Gemeinplätzen wider den Fundamentalismus und für das radikal Singuläre jedes Menschen gekämpft hat, läuft es auf eine einfache Formel hinaus. „Krise der Demokratie?“, fragen die sechs Verfasser des französischen Manifests „Nous sommes plus grands que nous“ und zögern nicht mit der Antwort: „Dringlichkeit der Literatur“. Dringlichkeit „angesichts der Monster, die die Demokratie bedrohen. Um uns, gegen all diejenigen, die uns Tag für Tag kleinmachen wollen, daran zu erinnern, dass wir größer als wir selbst sind.“ Es ist die trotzige Behauptung von Schriftstellern, die sich eingestehen müssen, dass sie mit ihrer künstlerischen Arbeit zwar keine einzige politische Katastrophe verhindern, aber wenigstens bei den Aufräumarbeiten dabei sein wollen.

Was der Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio, Michel Bris, Patrick Chamoiseau, Tahar Ben Jelloun, Erik Orsenna und Yann Queffélec Ende Mai in dem Pariser Wochenmagazin „Le 1“ veröffentlichten, blieb mangels konkreter Handlungsanweisungen von durchschlagender Folgenlosigkeit. Das Manifest überlebte gerade noch das Festival „Etonnants Voyageurs“ in Saint-Malo, wo sich ihm weitere namhafte Unterzeichner anschlossen. rst auf der Frankfurter Buchmesse kam es im französischen Pavillon mit Patrick Chamoiseau (ursprünglich aus Martinique), Kamel Daoud (aus Algerien) Gaël Faye (aus Burundi) und Négar Djavadi (aus dem Iran) noch einmal kurz zu Ehren. Zehn Jahre zuvor hatte das via „Le Monde“ lancierte Vorgänger-Manifest „Pour une littérature-monde en français“ eine weitaus längere Halbwertszeit.

Das Manifest hat in der französischen Literatur eine große Vergangenheit

„Le 1“ (le1hebdo.fr), im April 2014 von dem früheren „Le Monde“-Chefredakteur Eric Fottorino gegründet, präsentierte den Text nicht zufällig in einer Ausgabe, die unter dem Titel „Les romans ont-ils du pouvoir?“ der Wirkungsmacht von Romanen nachgeht. Wer das wie stets monothematische, im DIN A4-Format ausgelieferte und werbefreie Magazin Stück um Stück zu dem Riesenblatt entfaltet, aus dem es besteht, stößt auf einen Comic seines Zeichners Jochen Gerner. Er lässt die Geschichte der Erzählwerke, die die Welt verändert haben, 1838 mit dem „Oliver Twist“ von Charles Dickens beginnen und schon 1973 mit Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ enden. Da ist es nur konsequent, dass die Soziologin Gisèle Sapiro auch dem Manifest in der französischen Literatur einen Totenschein ausstellt – nicht ohne seine große Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Das Aufkommen des Medienintellektuellen mit den „nouveaux philosophes“ und die Erschöpfung des Gruppengedankens durch das Individuum haben ihm den Garaus gemacht.

Der Schriftsteller Matthias Politycki.
Der Schriftsteller Matthias Politycki.Foto: dpa/Volker Derlath

Das letzte deutsche Literaturmanifest datiert übrigens aus dem Jahr 2005. Ein aus Matthias Politycki, Thomas Hettche, Martin R. Dean und Michael Schindhelm bestehendes Quartett forderte damals in der „Zeit“ einen „Relevanten Realismus“. Was war gemeint? „Stilistisch gesprochen: eine Gratwanderung zwischen dem, was als Erzählen aus der Mitte erlebten Lebens heraus seit je einzig angemessen, und dem, was von der einstigen Avantgarde als Kunstfertigkeit übrig geblieben ist. Moralisch gesprochen: die beständige Sichtung unsrer untergehenden Welt und das Ringen um neue Utopien.“

Wo Literatur Partei ergreift, soll sie ihre Vieldeutigkeit nicht vergessen

Immerhin ging dieser „Relevante Realismus“, der erst Hohn und Spott und dann ein schnelles Vergessen erntete, über die Scheinalternative von Autonomie und Engagement hinaus. Denn zu welchem Pol Literatur auch neigt: Man kann von ihr höchstens fordern, dass ihr da, wo sie Partei ergreift, die Vieldeutigkeit ihrer sprachlich erschaffenen Wirklichkeit vor Augen steht, und da, wo sie sich vor allem mit ihrer Zeichen- und Scheinhaftigkeit beschäftigt, das physische Außerhalb nicht abhanden kommt.

Unter dem Motto „Empathy into Action“ praktiziert „Narrative 4“ (narrative4.com) ein Modell jenseits aller Manifeste. Geleitet von dem irischen Schriftsteller Colum McCann, verkuppelt die Organisation per Zufall jeweils zwei Autoren: Jeder soll eine für ihn lebensprägende Geschichte erzählen. Anschließend begibt sich jeder in die Rolle des Gegenübers und gibt das Gelesene so wieder, als wäre es das selbst Erlebte.

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