Neuer Airen-Roman : Ja zum Leichtsinn

Gier nach Drogen, Sex, Leben: Airen hat nach der Hegemann-Axolotl-Plagiats-Debatte schnell ein neues Buch vorgelegt. „I Am Airen Man“ spielt in Mexiko und ist die Fortsetzung von "Strobo".

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Letzte Runde. „Es lebe der Exzess“: eine Bar in Mexiko City.
Letzte Runde. „Es lebe der Exzess“: eine Bar in Mexiko City.Foto: Mauritius Images

Airens Kumpel Max kommt aus dem Staunen nicht heraus. Kaum zurück aus Mexiko, steht Airen mit ihm am Münchener Hauptbahnhof, trinkt Glühwein mit Schuss und erzählt, dass er seine mexikanische Freundin mit nach Deutschland gebracht habe, die jetzt von ihm schwanger ist. Und Max weiß: „Ja, du bringst halt echt immer die krassesten Stories, Airen.“ Woraufhin Airen erwidert: „Schon, Mann, Alter, keine Ahnung.“

Wer hört so was nicht gern über sich? Ahnung hin oder her: Airen hat den Satz seines Freundes Max gleich in seinen Blog geschrieben – und auch in sein neues Buch „I Am Airen Man“. Und es stimmt ja: Airens Geschichten sind krass und krank, sie stecken voller Drogen, Sex und Techno, was schon leicht einmal mit „Leben“ verwechselt werden kann. Oder mit Berlin.

Die vermutlich krasseste Airen-Geschichte aber stammt nicht von ihm selbst, sondern von der inzwischen 18-jährigen Helene Hegemann, als sie sich von Airens Blog und seinem Buch „Strobo“ inspirieren ließ und ein paar seiner Sätze wortwörtlich in ihren Roman „Axolotl Roadkill“ einfügte. Es folgte eine wochenlange Debatte über Plagiate, die Hegemanns, die Literaturkritik und angeblich berlinbesoffene Feuilletonisten. Mitten im Auge des Sturms: ein junger, noch nicht ganz dreißigjähriger Mann, der sich Airen nennt und überhaupt nicht wusste, wie ihm geschah.

Inzwischen weiß er das. Strategisch geschickt hat er ein paar Interviews gegeben, sich vom Musikmagazin „Rolling Stone“ zum Schreiben eines „HegemannTagebuchs“ bewegen lassen und sich für sein neues Buch unter die Fittiche des Blumenbar Verlages begeben. Dieser verfügt, anders als der „Strobo“-Verlag Sukultur, über bessere Promotions- und Vertriebswege. Und Blumenbar hat sich dann auch beeilt mit der Veröffentlichung des zweiten Airen-Buchs. Denn es kann sein, dass sich in einem halben Jahr kein Mensch mehr für Airen interessiert. Das Gedächtnis des Literaturbetriebs ist schlecht.

„I Am Airen Man“ ist die Fortsetzung von „Strobo“. Nach der Techno-Sause in Berlin, die „hart und trist und auf eine geile Art krass“ war, arbeitet Airen jetzt für eine Unternehmensberatung in Mexiko City, im 17. Stock eines Gebäudes im Finanzzentrum, „gleich bei den beiden deutschen Partnern vor der Tür. Beides ziemlich hohe Tiere und auf den ersten und auch auf den zweiten Blick unerwartet menschlich drauf. Natürlich diese Managerkrankheit, niemanden ausreden lassen zu können“. Trotzdem schreibt Airen wenig zu seiner Arbeit, wie in „Strobo“, er ist der „Anti-Held zwischen den Welten“. Auch in Mexiko taucht er ins Drogen- und Nachtleben ab, lernt aber dank seiner Freundin Nancy, die hier Lily heißt, den Alltag dort besser kennen.

Schön, dass das Blumenbar-Lektorat nicht groß am Sound von Airen herumgeschraubt hat. Seine Sätze haben nach wie vor etwas Atemloses, auch Unbehauenes, sind manchmal kurz, manchmal nur durch Kommas getrennt. Es gibt einen Prolog (Frankfurt (Oder), Berlin) und einen Epilog (zurück in der Heimat), und es gibt ganz gewiss keine große Erzählung mit einer ausgeklügelten Dramaturgie. „I Am Airen Man“ besteht aus Impressionen von Airens mexikanischem Leben, aus Drogen- und Sex-mit-Transen- Anekdoten, und es lebt von seiner vermeintlichen Authentizität.

Das kann manchmal langweilen, hat aber immer seine Momente, wenn Airen über das bloße Mitschreiben hinauskommt. Wenn er „Ja zur Dummheit, Ja zum Leichtsinn“ sagt und seinen Lebensstil und Drogenkonsum reflektiert – oder verherrlicht, wie das Kiffen: „Die total angenehme Ruhe. Das total ruhige Aufgeräumtsein. Das total aufgeräumte Betrachten der Sinne.“ Da versteht man die durch Drogen getriggerte Gier nach Leben, das Schnappen nach jedem „Lebenshappen“, und Airen findet dafür oft leuchtende Formulierungen. Der Abgrund lauert dort, wo das andere Leben beginnt, der normale, drogenfreie Alltag. Ob das dann noch taugt, um in Büchern oder Blogs erzählt zu werden?

Airen: I Am Airen Man. Blumenbar Verlag. Berlin 2010. 174 Seiten, 17, 90 €.

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