Kultur : Neuer Berliner Kunstverein: Fahrstuhl Bankrott

Michaela Nolte

Als 1990 in Venedig der Biennale-Preis für Skulptur an die Fotografen Bernd und Hilla Becher ging, schien das Schicksal der Bildhauerei auch institutionell besiegelt. Das klassische Medium fristete im "rasenden Stillstand" des "Anything goes" ein eher marginales Dasein. Nun, da die Malerei sich einer Realismus-Renaissance widmet will der Berliner Kurator Rüdiger Lange "die Skulptur zu ihrer Funktion als autonomem Kunstwerk zurückführen".

Der Titel "Modell/Skulptur" verweist auf den Versuch einer Annäherung, und so ähneln die Räume des Neuen Berliner Kunstvereins einem Laboratorium: Arbeitsatmosphäre beherrscht den "Palasttransfer" von F.R.E.d. Rubin. Die Nüchternheit, die Lange im Katalog für die Wahrnehmung von Skulptur proklamiert, empfängt den Besucher bei Rubin mit geradezu brachialem Habitus. Eine Bar, die einst das Hauptfoyer im Palast der Republik zierte, hat der frühere Boltanski-Schüler fein säuberlich tranchiert: hölzerne Tresenteile in einem Stahlsockel zusammengefügt und daneben Fragmente des verchromten "Traubenreliefs" gruppiert. Aus all dem ragt eine Metallkonstruktion vier Meter hoch im Raum auf. Mit dem ehemaligen Fahrstuhl-Motor des DDR-Außenministeriums lässt der Künstler heute die Reliquien rotieren und stellt das Wesen der Dinge auf den Kopf.

Rüdiger Lange zeigt sich erneut als virtuoser Gestalter kühner Divergenzen. Denn gegen Rubins monumentales "Rotations-Recycling" und den raumstrukturierenden Skulpturen von Karsten Konrad behauptet sich Katalin Deérs "Doppelte Distanz", trotz des relativ kleinen und intimen Formats, als prägnantes Pendant und Verklammerung. Die fotografischen Dioramen der 1965 im kalifornischen Palo Alto geborenen Bildhauerin nehmen sich aus wie eine Weiterführung der "Cuttings" von Gordon Matta-Clarks. Gedoppelte Fotos und verschachtelte Blickpunkte rücken das Reale mit aberwitzigen Perspektiven in irritierende Nähe. Das Auge fährt Achterbahn und schlingert permanent zwischen fraktalen Ebenen und den hybriden Medien.

Karsten Konrads "architypes" spitzen die Frage nach einem Denk-Modell zeitgenössischer Skulptur mit architektonisch anmutenden Quadern zu. Gründerzeit- und Bauhaus-Zitate treffen auf den Brutalismus der 70er Jahre, und im Material - gebrauchtes Mobiliar, das Konrad in fünf Millimeter schmalen Spanholz-Schichtungen recycelt - kehren sich Beweisführung und Architekturbezug des Modells zum plastischen Körper um.

Die drei Positionen erfinden die Skulptur nicht gerade neu, doch aktivieren die Künstler im Modellhaften einen greifbaren Gestaltungswillen, der sich immateriellen Tendenzen entgegenstemmt und erneut Denkansätze bietet.

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