Neuer Berliner Kunstverein : In deinem Film bin ich der Star

Die Welt als Bühne: Inszenierungen des Alltags im Neuen Berliner Kunstverein.

Kolja Reichert

Jetzt kommt der Fahrradfahrer, wie jeden Mittag. An der Kreuzung bremst er ab, sieht sich ein bisschen die Leute an, dann rollt er weiter, Stammgast eines Gratistheaters, das seine Nachbarschaft täglich bietet. Offenbar ist ihm entgangen, dass er selbst Darsteller ist. Auf der anderen Straßenseite hält der Künstler Mads Lynnerups Regieanweisungen in die Kamera: „Mann kommt auf Fahrrad.“ „Er beobachtet die Leute.“ Und vor dessen Videoarbeit steht wiederum nun der Ausstellungsgast und beobachtet ihn.

Lynnerup hat einen Monat lang die Gewohnheiten der Bewohner eines Kopenhagener Stadtteils studiert. Nun steht er auf der Straße wie der junge Bob Dylan in dem Film zu „Subterranean Homesick Blues“ und kommentiert auf Pappschildern das Offensichtliche. So huldigt er Zufall und Vielfalt des sozialen Theaters. Und betont, was dank Shakespeare jeder weiß, der Neue Berliner Kunstverein aber mit seiner Ausstellung noch mal vor Augen führen will: Die Welt ist eine Bühne.

Dass wir alle Theater spielen, das hat auch der Soziologe Erving Goffman 1959 in seinem Standardwerk verkündet. Keine Doktorandin der Kulturwissenschaften kommt heute mehr am Topos Performativität vorbei. Mit der Einsicht, dass soziale Rollen gestaltbar sind und Identität immer neu zur Aufführung gebracht wird, entwickelten sich zwangsläufig die öffentlichen Trainingseinrichtungen wie Talk- und Castingshows, die auf vorgegebene Muster zurichten; sowie die Performancekunst, die individuelle Spielräume reklamiert.

Die NBK-Ausstellung mit dem verstiegenen Titel „Die Welt als Bühne“ ist indes weder Thesenausstellung noch Bestandsaufnahme der Performancekunst. Es bedarf keines Vorwissen, um zum Mitspieler zu werden. In die Schaufenster hat der dänische Graffitikünstler HuskMitNavn Karikaturen von Alltagsgestalten gesetzt, die mit übertriebenen Posen neckisch die Passanten herausfordern. Und drinnen kann sich der Gast auf Kissen vor einer Videoleinwand niederlassen und mit dem Avatar von Joseph Beuys durch eine Second-Life-Umgebung fliegen. Beuys beantwortet auch Fragen wie „Wer bist du?“. Antwort: „du bist kunst.“ Nicht schlecht.

Tamy Ben-Tor treibt in ihren Performances das Betriebsgequassel einer euphorisierten Künstlerin und einer enttäuschten Galerieassistentin auf die Spitze und legt Abgründe offen. Und in den Videos von Ján Manuška kommunizieren Dialogpartner ausschließlich in Bezug auf nicht anwesende Dritte. Absurderweise entsteht beim komplexen Spiel über Bande, beim Kreisen um Leerstellen, Nähe. Ist das Selbst denn mehr als ein Prisma für die Projektionen der anderen?

Es liegt allerdings der Verdacht nahe, dass auch die Werke in ihrer Zusammenschau etwas Entscheidendes nicht erzählen. Tilman Wendland hat aus Latten und Pappe weiße Bühnenteile gezimmert, die den Raum spannungsreich unterteilen. Doch sind sie zu sehr Architektur, zu sehr dem Als-ob verhaftet, als dass man sich erlauben würde, sie als Podium zu besteigen. Mit etwas mehr Mut hätte Kuratorin Solvej Helweg Ovesen aus der Ausstellung mehr machen können als die Summe der Einzelpositionen, ein Spiegelkabinett der Blicke etwa, das die Betrachter verunsichert und herausfordert. Wird der öffentliche Raum nicht mit Überwachungskameras zur totalen Bühne?

Den Höhepunkt bilden zweifellos die Arbeiten von Carey Young. Ein rotes Telefon bildet den Einstieg: Nimmt man den Hörer ab, meldet sich ein echter Callcenter-Agent zum Gespräch über Kunst. Die Themen gehen in die folgenden Gespräche ein, jeder hat am offenen Werkprozess teil. Im Video „Uncertain Contract“ intoniert ein Schauspieler Schlagworte eines Vertrags, mal bestimmt, mal fragend, mal skeptisch, und spielt so die Faktizität der Buchstaben an die Wand. Auch Sprache beruht schließlich auf sozialen Konventionen, letztlich: auf Theater. Und je mehr jeder seine Freiheit als Mitspieler und Regisseur begreift, desto besser.

NBK, Chausseestr. 128/129, bis 10. Januar (24. 12. bis 1.1. geschlossen); Di – So 12 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

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