Neuer Blick auf Frankreich : Das Glück des Aufbruchs

Häme unter Nachbarn? Besser nicht: An diesem Sonntag sind Parlamentswahlen - warum der Blick auf Frankreich wieder lohnt.

Manfred Flügge
Pariser Ansichten. Diesen Sonntag finden Parlamentswahlen statt. Die Trikolore dient stetiger Selbstvergewisserung.
Pariser Ansichten. Diesen Sonntag finden Parlamentswahlen statt. Die Trikolore dient stetiger Selbstvergewisserung.Foto: Peter Kneffel/dpa

Ein bisschen unheimlich ist sie schon, diese stille französische Revolution, die der neue Präsident herbeigeführt hat. Emmanuel Macron und seine Berater haben die Lage richtig eingeschätzt, ihr Erfolg beruht auf einer klugen Strategie und auf Glück! Glück zu haben ist in der Politik wichtiger als jedes noch so gut gemeinte Parteiprogramm.

Es lohnt sich, auf Frankreich zu schauen und einige Schlussfolgerungen aus der neuen Lage dort zu ziehen. Die erste Lektion: Es kommt eben doch auf die Personen an der Spitze an, auf deren Wirkung und Präsenz, deren suggestive Überzeugungskraft, und nicht zuerst auf Programme, auch wenn Gremien und Medien das gern anders hätten. Die französischen Parteien haben sich beinahe aufgelöst, jetzt zählen „Bewegungen“ mit charismatischen Gestalten an der Spitze. Das dürfte am wenigsten auf andere Länder übertragbar sein. Dass die Wahlbeteiligung nun so niedrig war, schwächt die Legitimität aller politischen Lager, nicht nur die des Präsidenten, zeigt einerseits Wahlmüdigkeit, aber auch die Leere des politischen Raumes, den es nun zu nutzen gilt.

Die zweite Erkenntnis: Frankreich hat ein neues Gesicht, und plötzlich sieht Deutschland alt aus. Deutschland sollte jetzt nicht den Oberlehrer spielen und Bedingungen stellen, sondern sich intern wie international bewegen. Ob Macron Erfolg hat, hängt auch von Deutschland ab. Eine solide und konstruktive Beziehung beider Länder ist Selbstzweck und Staatsraison. Stolze Isolation und Rechthaberei kann sich Deutschland in diesen unsicheren Zeiten nicht leisten.

Franzosen verwenden den Begriff "Grande Nation" nicht

Weitere Lektion für Deutschland: Wir sollten nie wieder den Begriff „Grande Nation“ verwenden, wenn wir das heutige Frankreich meinen, Deutschland wichtigsten Partner in der Welt. Als „Der Spiegel“ nach der französischen Präsidentschaftswahl mit dem farblich verwaschenen Kopf von Emmanuel Macron aufmachte und dazu titelte „Deutschlands teurer Freund“, war eine schlechte Tradition gewahrt: die Frankreich-Häme dieses Wochenblattes. Sie geht zurück auf eine persönliche Aversion des Gründers Rudolf Augstein, die 1947 entstand, als die damalige französische Besatzungsmacht die Konfiskation einer Nummer des jungen Nachrichtenmagazins durchsetzte. In späteren Jahren besaß Augstein eine Villa an der Côte d’Azur und sprach schlecht Französisch. Der Gebrauch des Begriffs „Grande Nation“ wurde insbesondere durch den „Spiegel“ im deutschen Sprachraum verbreitet. Er drückt keine Hochachtung aus, sondern Hohn. Sie sind nicht so grandios, wie sie immer tun, ist damit gemeint.

Da Augstein sich stets etwas auf seine Geschichtskenntnisse zugute hielt, könnte er gewusst haben, dass dieser Begriff rein historisch ist und die Expansionspolitik der Ersten Französischen Republik in den Jahren 1796 bis 1798 meinte, also noch vor den Napoleonischen Feldzügen. In Frankreich selbst gebraucht niemand den Begriff.

Hingegen hat der neue Präsident recht: „On peut aimer la France.“ Man kann wieder mit Sympathie auf Frankreich schauen und sollte vielleicht weniger auf die untergangssüchtigen oder scheinradikalen „Philosophen“ achten als vielmehr auf die französischen Städte. Ein Bürgermeister war der erste Förderer von Macron (der jetzige Innenminister Collomb, aus Lyon, das immer schon so ähnlich regiert wurde wie jetzt das ganze Land), ein Bürgermeister ist Premierminister (von Le Havre), ein Bürgermeister (aus Pau) will als Justizminister das politische Leben moralisieren.

Städte wie Lyon und Lille sind moderne, rundum erneuerte Gemeinwesen

Die Zeiten, in denen die großen Provinzstädte nach Paris schauten und traurig vor sich hin dümpelten, sind längst vorbei. Städte wie Lyon, Lille, Bordeaux, Toulouse, Montpellier, Straßburg, Nizza sind Gemeinwesen, die sich von Grund auf erneuert haben, eigene Ressourcen entwickeln und eine moderne Stadtplanung – symbolisiert durch elegante und effiziente Straßenbahnsysteme – von denen Berlin nur träumen kann.

Das einzige Problemkind ist Marseille, wo extreme Linke und Rechte sehr stark abgeschnitten haben, aber auch dort werden Hafenviertel und Altstadt inzwischen aufgewertet; hier half die Rolle als europäische Kulturhauptstadt 2013. In den erneuerten Städten vor allem hatte Macron traumhafte Ergebnisse, vor allem aber in Paris. Trotzdem wird das neue Frankreich also weniger zentralistisch sein.

Zugleich (um seine Lieblingswendung zu benutzen) schafft der Präsident eine alte Institution ab, den „député-maire“, den Bürgermeister, der vor allem Abgeordneter in Paris ist, weil er nur so staatliche Mittel für seine Kommune erwirken kann (in der er kaum anwesend ist). Überhaupt sollen keine Mandate auf verschiedenen Ebenen mehr kumuliert werden können, und niemand soll mehr als drei Mandate nacheinander ausüben.

Präsident Macron will weder super noch normal sein

Macron will weder ein Superpräsident sein wie Sarkozy noch ein „normaler“ Präsident wie Hollande, weil diese Funktion nicht normal ausgeübt werden kann. Dass der so junge Präsident so hoheitlich auftritt, mag erstaunen und vielleicht der Kompensation dienen. Es ist aber auch eine Reaktion auf die Attentate der letzten Jahre. Die eigene Fahne und die wieder allgegenwärtige Nationalhymne sind Momente der französischen Selbstvergewisserung, wie man sie in Deutschland nur schwer nachempfinden kann.

Es lohnt sich also wieder, die Sprache des Nachbarlandes zu lernen. Macrons Wahl bedeutet eine Chance für den Französischunterricht in Deutschland und den Deutschunterricht in Frankreich. Die letzte Erziehungsministerin unter Hollande hat Deutsch wie eine tote Sprache auf eine Stufe mit Latein und Griechisch gestellt, als Instrument der Elitenbildung und der Auslese, nicht als die Alltagssprache des wichtigsten Partners. Nun hat ein moderner Deutschunterricht wieder eine Chance. So viele Minister aus der neuen Pariser Regierung sprechen Deutsch und kennen Deutschland. Das ist eine bemerkenswerte Verkehrung früherer Verhältnisse.

Von Manfred Flügge, der 1946 in Dänemark geboren wurde, erschien zuletzt als E-Book bei Rowohlt Rotation: „Brief an einen französischen Freund“. Er lebt als Schriftsteller in Paris und Berlin.

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