Kultur : Neuer Ernst

Die Kandidaten für den Preis der Nationalgalerie

Die Zeichen mehren sich, dass die große Kunst-Party vorüber ist, dass Protz und Glamour zu schwinden scheinen. Wie schon auf der Londoner Frieze und der Pariser Fiac zeigen sich nun auch auf der Berliner Kunstmesse, dem gestern Abend eröffneten 13. Art Forum, deutliche Anzeichen einer neuen Bescheidenheit. Anders als in früheren Jahren erscheint die Kunst weniger strahlend, sind die Messehallen unterm Funkturm farblich wie „heruntergedreht“. Die ganz großen Skulpturen und aufwändigen Installationen fehlen fast ganz, Riesengemälde und opulente Fotografien wurden kaum herangeschafft (ein ausführlicher Bericht folgt in der morgigen Ausgabe).

Dazu passt auch die am Vorabend verkündete shortlist für den mit 50 000 Euro dotierten Preis der Nationalgalerie. Zwar fand die Verkündung noch im Rahmen einer Party beim Hauptsponsor statt, im BMW-Autosalon am Kurfürstendamm, doch die Wahl der Jury geht ebenfalls in Richtung verstärkter Ernsthaftigkeit. Allen vier in Berlin lebenden Kandidaten, die im kommenden Herbst in einer gemeinsamen Ausstellung im Hamburger Bahnhof gegeneinander antreten werden, ist die große Geste fremd. Alle vier arbeiten konzeptuell – ob im Bereich des Films, der Fotografie oder Installation.

Die Israelin Keren Cytter reflektiert in ihren Experimentalfilmen, bei denen Freunde und Familie mitspielen, das Verhältnis zur Wirklichkeit. Auch der Israeli Omer Fast geht in seinen Mehr-Kanal-Arbeiten Fragen der politischen und persönlichen Wahrheit nach, etwa wenn er einen amerikanischen Soldaten im Irak von seinem Trauma erzählen lässt. Die Stuttgarter Fotografin Annette Kelm kombiniert in ihren Bildern überraschende Posen und Requisiten, wie beim Cowboy hoch zu Ross mit Fächer, und öffnet dadurch den Raum für Assoziationen. Der in Dänemark aufgewachsene Vietnamese Danh Vo benutzt seine eigene Vita als Arbeitsmaterial, indem er in seinen Installationen vermeintliche Elemente seiner Biographie, Objekte seiner asiatischen Heimat verwendet und damit die Geschichte der eigenen Identitätssuche erzählt.

Wie schon bei den Kandidaten vom letzten Mal haben sich auch die nun nominierten Nachwuchskünstler erste Meriten verdient, stehen aber noch vor dem Durchbruch. Der Verein der Freunde der Nationalgalerie setzt als Stifter auf neue Namen, weniger auf Stars. Zwar mag es dem Preis dadurch an Glanz fehlen, doch ist er damit am Puls der Zeit. NK

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