Neuer Intendant der Volksbühne : Chris Dercon: „Veränderung tut immer weh“

Die Debatte um seine Person fand der designierte Intendant der Berliner Volksbühne "wunderbar". Ein Gespräch mit Chris Dercon über seine Pläne und Passionen, Tanz im Museum, über die Angst der Regisseure vergessen zu werden – und die Attraktivität Berlins.

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Chris Dercon
Chris DerconFoto: AFP/Tobias Schwarz

Herr Dercon, der Streit um die neue Intendanz der Volksbühne war heftig, fast eine Staatsaffäre. Finden Sie das komisch?

Ich fand es wunderbar. Es geht nicht um Personalien, es geht um Kultur. Wesentliche Fragen wurden debattiert: Was ist das Theater der Zukunft? Was macht ein Ensemble aus? Allerdings ist das keine neue Diskussion, sie wiederholt sich im Abstand einiger Jahre. Die Fragen sind offenbar noch nicht hinreichend beantwortet.

Ist Berlin der Ort, an dem diese grundsätzlichen Dinge deutlicher hervortreten, gibt es hier eine größere Sensibilität als anderswo?

Auch in den Niederlanden oder Belgien debattiert man darüber, wohin das Theater geht – in Großbritannien leider nicht. Dort gibt es immer weniger Geld für Kultur im Allgemeinen und das Theater im Besonderen. In Deutschland existiert eine starke Tradition, Theater zu pflegen. Das ist hier nicht nur Bürgerrecht, sondern auch Verpflichtung des Staats. Großartig! Der Staat steht in der Verantwortung, Kultur zu ermöglichen. Inzwischen kommt hinzu: die Kultur, zumal in Berlin, ist zu einem kräftigen Wirtschaftsfaktor geworden.

Künstler aus aller Welt zieht es nach Berlin. Es muss hier etwas geben, das unwiderstehlich wirkt. Auch Sie geben eine tolle Position in London auf.

Es kommen übrigens auch sehr viele Künstler nach London. Aber London steckt in seiner Entwicklung fest. In Berlin dagegen gibt es eine konstante Transformation. Das sagt auch mein lieber Kollege Neil McGregor, der als Gründungsintendant das Humboldt-Forum in Berlin übernimmt. Aber seltsam: Alle reden in Berlin von der Zukunft und dem Neuen, doch die Diskussionen um das Theater sind oftmals retrospektiv. Frank Castorf und Bert Neumann machen an der Volksbühne seit zwanzig Jahren multimediales Theater, verbinden unterschiedliche Kunstformen – und jetzt komme ich, und plötzlich soll das nicht mehr gelten, werden wieder die alten Terrains abgesteckt.

So ist das bei den Revolutionären. Erst der Umsturz, und nachher werden die Bastionen befestigt. Die Bewegung erstarrt.

Das ist in der Politik leider normal für die so genannte horizontale Linke. Revolutionäre bekommen oft Probleme mit Veränderungen. Ich fühle mich nicht als Revolutionär, ich bin ein Moderator der Veränderung. Wenn man an seine eigene Kunst glaubt, muss man auch loslassen und den Stab weitergeben können. Ich habe nahezu alles älteren Künstlern zu verdanken, die mich gefördert haben. Inzwischen versuche ich das genauso zu machen, auch an der Tate Modern. Ich glaube nicht an die Genialität, auch nicht bei Künstlern. Ich arbeite gern im Kollektiv. Genialität, das ist eine Art Atavismus. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erreichen. Theater bedeutet Begegnung mit Menschen, für Menschen.

Dafür ist die Volksbühne der beste Ort?

Die Volksbühne ist nicht irgendein Theater. Ihre 100-jährige Geschichte ist reich an Veränderungen und Veränderern. Heiner Müller, der ja auch an der Volksbühne gearbeitet hat, sagte einmal: Damit etwas kommt, muss etwas gehen.

Heiner Müller sagte auch: Die Visuellen Künste sind dem Theater um Jahre voraus.

Einspruch! In Deutschland hat das Theater die Künste stark beeinflusst und es gab einen ständigen, fruchtbaren Dialog zwischen beiden. Das deutsche Theater ist einzigartig in der Welt. In Lateinamerika kennt man die Arbeit von Claus Peymann, von Frank Castorf und René Pollesch. In London, wo ich herkomme, ist das Theater unglaublich langweilig.

Das deutsche Theatersystem zeichnet sich aber auch durch seine lange Tradition und starke Schwerkraft aus. Sie spüren das ja jetzt selbst.

Man sollte Schritt für Schritt einen Mix von öffentlichen und privaten Mitteln anstreben. Der Staat hat die Verpflichtung, Kultur zu präsentieren, aber es gibt auch andere Möglichkeiten.

Sie brauchen erheblich mehr Geld für Ihre Volksbühnen-Ideen, zum Beispiel die Bespielung des Hangar 5 in Tempelhof.

Um dieses Geld werde ich mich kümmern, natürlich. Da werde ich auch mit Sponsoren sprechen, die schon Interesse signalisiert haben. Das betrifft vor allem die „Digitale Bühne“, die wir planen. Berlin ist die Stadt der Start-ups, da können wir anknüpfen. Viele schauen nach Berlin, aber die tun das nicht für mich, sondern weil sie die Volksbühne so spannend finden. Sie wollen dabei sein, in Berlin! Man muss auch über die Auslastung der Volksbühne nachdenken, die ist nicht optimal. Und über Eintrittspreise ist zu reden. Ich finde es wichtig, dass bestimmte Menschen gratis ins Theater kommen können, andere wiederum können mehr bezahlen.

Jetzt plötzlich ist sogar Theater für Sponsoren interessant?

Ja, und da war die Arbeit der Volksbühne wegweisend. Aber nicht nur: Wenn ich mit Museumsleuten über Berlin spreche, dann auch über das HAU, Tanz im August, die Berliner Festspiele. Aber immer wieder geht es um die Volksbühne. Sie ist ein deutsches Produkt, wie Gerhard Richter. Die Volksbühne lebt seit zwanzig Jahren von einem Patchwork-Publikum. Dazu gehören dann auch Leute, die Bildende Kunst anschauen, aber eigentlich kein Theater.

Als Leiter des HAU oder der Festspiele könnte man nervös werden, wenn man Sie so hört. Sie greifen breit an und ein.

Mein Credo ist nicht Abgrenzung, sondern Kooperation, Austausch. Ich habe schon mit Annemie Vanackere, der Chefin des HAU, gesprochen, mit Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele, und Matthias von Hartz von „Foreign Affairs“. Mal schauen, was wir miteinander machen können. Die Volksbühne ist für Tanz großartig geeignet.

Sie wollen am Ensemble festhalten?

Aber ja. Ich habe höchsten Respekt für Kathrin Angerer, Sophie Rois, Jeanne Balibar, Martin Wuttke, Fabian Hinrichs und Bert Neumann. „der die mann“ von Herbert Fritsch ist eine großartige Inszenierung. Sie stellt spannende Fragen: Was ist das, ein überforderter Zuschauer? Was ist ein unterforderter Zuschauer? Ich werde gerne mit allen Mitarbeitern der Volksbühne sprechen. Die Volksbühne ist ein zentraler Ort. Hier lässt sich die Stadt als Bühne gleich mit inszenieren. Bildende Künstler, Filmemacher, alle drängen in die darstellende Kunst. Sie ist die Zukunft der Künste. Dafür braucht man neue Räumlichkeiten. Wir werden eine Gruppe von autonomen Künstlern haben, wie, neben anderen, Romuald Karmakar und Alexander Kluge, die hier zusammenkommen, um etwas zu entwickeln.

Im Grunde genommen sind Sie ein Volksbühnen-Traditionalist.

Noch mal, ich verstehe mich als Moderator der Veränderung. Ich verehre die Volksbühne, die immer ein Ort der Veränderung war. Übrigens habe ich meine allererste Ausstellung im Rahmen eines Tanzfestivals gemacht. Als Student habe ich mit Theater und Video gespielt und die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke mit Video auf die Bühne gebracht. In der Tate Modern habe ich Live Art gefördert, Tänzer ins Museum geholt. Ein Museum ist eine Sammlung von Dingen. Pop-Musik, Modefotografie, Tanz, die in ihrer Existenz bedroht sind, suchen einen Anknüpfungspunkt zur Geschichte und wollen jetzt ins Museum. Denn sie brauchen ein lebendiges Archiv. Es ist wichtig, darüber nachzudenken, was ein Museum für das Theater sein könnte.

Wird es bei Ihnen Repertoirebetrieb geben?

Unbedingt. Es wird überall so viel angeboten, die Dinge verschwinden so schnell. Mit dem Repertoire hat der Mensch über das gesamte Jahr die Chance, seinen eigenen Kalender zu machen. Wir werden von Aktualität terrorisiert. Deshalb ist es so wunderbar, wenn man sagen kann: Ich weiß, dass etwas wiederkommt und ich es dann sehen kann.

Sie sind sehr traditionsbewusst. Warum hat man so aggressiv auf Sie reagiert, vor allem von Seiten der alten Intendanten?

Vielleicht haben sie Angst, dass ihre Arbeit vergessen wird. Sie fürchten um ihr Erbe. Ich denke, die Angst ist unbegründet, ihre großartigen Inszenierungen werden wir auch künftig genießen können.

Sie kommen erstmals als Intendant an ein Theater. Was ist Ihre Jobbeschreibung?

Ich werde über die Strukturen des Theaters von morgen nachdenken. Das ist der Auftrag. Veränderung tut immer weh. Change Management, das ist das Entscheidende.

Berlin ist die Stadt der Veränderung. Die Theater aber halten an ihren Intendanten fest, und umgekehrt. Hier hat man eine lange Laufzeit.

Ich hoffe, dass ich auch lange hier bleibe.

25 Jahre Intendant der Volksbühne?

(lacht) Ja, wunderbar. Dann bin ich 82, ein bisschen jünger als Alexander Kluge, auf den ich mich sehr freue in meinem Team.

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