Neuer Jérôme-Ferrari-Roman : Die beste aller Welten

Zwei Uni-Absolventen eröffnen eine Bar auf Korsika - doch was als Aussteigertraum beginnt, endet als Studie über die Vergänglichkeit. Der wunderbare Roman „Predigt auf den Untergang Roms“, für den Jérôme Ferrari den Prix Goncourt, wichtigster Literaturpreis Frankreichs, erhielt, lässt einen Schriftsteller entdecken, der in Deutschland noch zu wenig bekannt ist.

Trügerisch. Unter mediterraner Unbeschwertheit – hier das Bergdorf Belgodere – lauern auf Korsika die Wunden der Geschichte.
Trügerisch. Unter mediterraner Unbeschwertheit – hier das Bergdorf Belgodere – lauern auf Korsika die Wunden der Geschichte.Foto: picture-alliance / gms

Dieser Roman funktioniert, wenn der schlichte Vergleich erlaubt ist, wie eine Duftspirale – und ihr Gegenteil. Ganz an seinem historischen und thematischen Rand entzündet sich das Geschehen in kunstvoll langen, erst nach einer Weile von knappen Dialogen durchzuckten Sätzen und arbeitet sich ausschweifend abschweifend in seine Mitte vor. Kaum aber ist der Leser im aufregend düsteren Zentrum angelangt, sucht der Text, nun zügiger, wieder den Weg ins Weite, die große Metapher, ja, die Philosophie.

Wie nur eine Gebrauchsanweisung verfassen für „Predigt auf den Untergang Roms“, diesen fantastischen Spuk mit dem Nachgefühl eines zarten Schleudertraums? Vielleicht, indem man mit der fassbaren Mitte beginnt. Zwei Uni-Absolventen übernehmen, statt Philosophielehrer in Paris zu werden, eine Dorfbar in Korsika. Der eine, Matthieu Antonetti, ist in Paris aufgewachsen, drängt aber seit Schulzeiten heftig zurück in die bäuerliche Heimat seiner Vorfahren, nach Korsika. Der andere, der Dorfjunge Libero Pintus, folgt Matthieus Ruf nach Paris, nur um alsbald zurückzufallen in die mediterrane Inselwelt. Als für die nach einigen Fehlverpachtungen heruntergewirtschaftete Bar ein neuer Betreiber gesucht wird, stürzen sich die beiden auf die Chance – als gelte es, sich für immer von grausiger Heimatlosigkeit zu erlösen.

Zwei Sommer und der Winter dazwischen sind ihnen geschenkt, bevor sich ein düsteres Schicksal erfüllt. Es ist ein unbeschwertes Aussteigerleben, das sich da für einen Jahreslauf entfaltet, mit vier hübschen Touristinnen, die als Kellnerinnen bleiben und den Dorfmännern den Kopf verdrehen, mit Gesang zur Gitarre in heißen Nächten, mit finanziellem Erfolg und Glück und Alkohol und Sex und Jugend open end. Bis sich – fern aufschimmernder äußerster Rahmen der Erzählung – Leibniz’ beste aller möglichen Welten, die Matthieu in der korsischen Bar zu finden glaubte, schroff als vergänglich herausstellt. So vergänglich wie jenes Rom, dessen Untergang im Jahre 410 der Philosoph Augustinus, Bischof im nordafrikanischen Hippo Regius, so kommentiert: „Hat Gott jemals versprochen, dass die Welt ewig sei?“ Und: „Die Welten vergehen von Finsternis zu Finsternis, eine nach der anderen.“

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