Kultur : Neuer Krieg im Nahen Osten?: Im Namen der Gewalt

Charles A. Landsmann

Wieder israelische Angriffe, wieder palästinensische Tote und Verwundete: Israels Luftwaffe bombardierte am Samstag erneut mit Kampfflugzeugen und -hubschraubern Ziele in palästinensischen Westbankstädten. Die zunehmende interne und internationale Kritik am Ausmaß der israelischen Vergeltungsschläge zeigt bisher keine Wirkung bei Ministerpräsident Ariel Scharon.

Diesmal flogen die israelischen F-16-Kampfflugzeuge Angriffe auf palästinensische Polizeistationen und Kommandaturen der "Force 17"-Präsidialgarde in den beiden Westbank-Städten Dschenin und Tulkarem. In Dschenin wurden mehrere Gebäude und Autos zerstört, in Tulkarem schossen zwei Apache-Kampfhubschrauber und zwei F-16-Jets mindestens zwölf Raketen gegen Polizeigebäude ab und verletzten dabei 30 Palästinenser. Mindestens zwei Palästinenser wurden bei kleineren Zwischenfällen von israelischen Soldaten erschossen.

Beide Städte sowie Nablus im Westjordanland und die Stadt Gaza waren schon am Vortag durch Kampfjets bombardiert worden. Die beispiellosen Luftangriffe bilden die israelische Vergeltung für den Terroranschlag eines Selbstmörders der islamistischen Hamas-Bewegung in der Mittelmeer-Badestadt Netanja, bei dem am Freitag fünf Israelis getötet und über 100 verwundet worden waren.

Für den palästinensischen Terroranschlag macht die israelische Regierung die Palästinensische Autorität (PA) unter Jassir Arafat verantwortlich. Die verurteilte den Terroranschlag und erklärte sich dafür nicht zuständig. Israels Außenminister Shimon Peres erklärte, die palästinensische Gewalt habe "jede Grenze überschritten. Das Feuer muss dort gestoppt werden, wo es angefangen hat" - also bei den Palästinensern. Wenn diese nicht immer wieder die Initiative zur Gewaltanwendung ergriffen, so gibt Peres zu bedenken, dann gäbe es auch keine Vergeltung israelischerseits. Grafik: Luftangriffe Israels Noch bevor UNO-Generalsekretär Kofi Annan Israel wegen seiner "übertriebenen und fehlgeleiteten Reaktion" gegeißelt hatte und auch der amerikanische Außenminister Colin Powell deutlichere Worte denn je an die israelische Adresse richtete, übten hohe, anonym bleibende Kreise im Jerusalemer Außenministerium erneut Kritik an der eigenen Regierung: Die Reaktion auf den Anschlag in Netanja sei falsch gewesen. Man hätte zuerst einige Stunden warten sollen, um aus dem gegen unschuldige Zivilisten gerichteten Anschlag den gewünschten Propagandaeffekt im Ausland zu erzielen. Danach hätte man nicht mittels großer Bombardements vorgehen sollen, sondern nur "gezielt und abgewogen gegen in den Terror verwickelte Gruppierungen".

Selbst der kampfeslustige Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer sagte erstmals in einer Art Selbstkritik: "Ich würde lieber punktuelle Ziele bewilligen als diese bombastischen Operationen, die ich zu bewilligen gezwungen bin". Israel, so Ben-Eliezer, befinde sich nicht im Krieg gegen das palästinensische Volk, sondern im Kampf gegen den palästinensischen Terror.

Oppositionsführer Jossi Sarid, von der linken Meretz-Partei, bezeichnete den Wechsel in der israelischen Kampftaktik in den letzten Tagen, der eine weitere Eskalation der Gewalt mit sich gebracht hat, als "schweren Fehler". Man wolle nun nicht mehr nur Terroristen, sondern unter anderen auch sie treffen und spiele damit ihnen in die Hände, denn "die Terroristen wollen möglichst viele Opfer, auch auf ihrer Seite. Genau dafür sorgt diese Regierung und schießt so ein Eigentor."

Tatsächlich rechnen immer mehr israelische Experten damit, dass auf Grund der rapide ansteigenden Opferzahlen - zuletzt insgesamt 20 palästinensische und sechs israelische Tote innerhalb von 24 Stunden - und der israelischen Überreaktion auf die immer zahlreicheren palästinensischen Anschläge und Hinterhalte die palästinensische Taktik aufgeht und der Konflikt internationalisiert wird. Früher oder später werden die UNO und ihre Mitgliedsstaaten sich für die Entsendung einer internationalen Beobachter- oder gar Schutztruppe für die palästinensische Bevölkerung entschließen, was die Regierung Scharon um jeden Preis verhindern will.

Mittel- bis längerfristig können bei anhaltenden Kämpfen und stetiger Eskalation nur zwei Ereignisse diese Internationalisierung verhindern: Entweder entschließt sich die seit ihrer Amtsübernahme in ihrer Nahostpolitik reichlich passive amerikanische Regierung endlich zum aktiven Eingreifen mittels Druck auf beide Konfliktparteien, oder aber ein fürchterliches Blutbad in Israel als Folge eines palästinensischen Terroranschlages lässt die Kritik an Scharon weltweit verstummen.

Diese Woche wäre dies beinahe passiert, nur ein Wunder verhinderte Schlimmstes. Unweit von Netanja war am Mittwoch auf der Bahnstrecke Tel Aviv-Haifa eine Bombe unter der Lok eines voll besetzten Zuges explodiert. Wäre die Bombe unter einem Passagierwaggon hochgegangen, so hätte sich die Opferstatistik von rund 540 - vorwiegend palästinensischen - Toten seit Beginn der "Al Aksa-Intifada" vor fast acht Monaten wohl verdoppelt.

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