Tim Renner ist eine Vorzeigefigur des Graswurzelunternehmertums

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Neuer Kulturstaatssekretär nimmt die Arbeit auf : Tim Renner: Der Vorzeigeunternehmer ist gefordert
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Tim Renner ist eine Vorzeigefigur des Graswurzelunternehmertums. Mit dem Polydor-Sublabel Motor begleitete er die Karrieren von Element of Crime, Tocotronic oder Rammstein. Und 2004 löste er sich von der Polydor-Nachfolgerin Universal, kaufte Motor zurück, machte es zur Agentur für junge Künstler und bot mit dem Internetradio Motor FM die Hintergrundmusik für Start-up-Büros und Frisörsalons. Unter dem Eindruck der Krise des Musikgeschäfts engagierte er sich in der „all2gethernow“, einer jährlichen Konferenz für die Berliner Musikszene, aus der die Berlin Music Week hervorging, Vorbild für die Berlin Art Week.

Bislang hat sich Renner allerdings mit Modellen beschäftigt, die auf ein großes Publikum zielten. Wird er den Kollegen im Senat erklären können, dass Kunst nach einer anderen Logik funktioniert als Musik- und Modelabels? Dass nicht jeder Projektraum auf einen Markt abzielt? Dass die Hälfte der existierenden Galerien kaum je Gewinn erwirtschaften wird? Kann er Wowereits unglücklicher Verwechslung der Interessen von Kunst und Kreativwirtschaft etwas entgegensetzen? Und kann er klarmachen, dass die Freie Szene andere Fördermodelle braucht als die großen Institutionen?

Stadtplanung und kulturelles Leben bedingen einander

Auch auf zwei urbanistische Konzepte lässt sich nicht mehr ohne Weiteres vertrauen: zum einen, dass die vielen freien Projekte und Künstlerateliers von ganz allein entstehen und sich erhalten könnten (das funktioniert nur, solange es günstigen Wohnraum und vielfach nutzbare Zwischenräume gibt); zum anderen die Lehre Richard Floridas, ein Klima der Offenheit und Kreativität locke erst die Künstler, dann die Investoren in die Stadt. Bislang geht das Geld von außen vor allem in Immobilien und bedroht damit die einzigartige Sozialstruktur Berlins. So wird Kulturpolitik derzeit tatsächlich vor allem in der Wirtschafts- und Stadtentwicklungsverwaltung gemacht – allerdings kontraproduktiv und gefährlich. Denn für die Zusammenhänge zwischen Stadtplanung und kulturellem Leben fehlt jedes Verständnis.

Nur in der Aushandlung spezifischer lokaler Interessen können tragfähige kulturelle Orte entstehen wie ExRotaprint im Wedding. Die Mischnutzung von Kulturschaffenden, sozialen Einrichtungen und Gewerbe ist ein Beispiel für eine nachhaltige Stadtentwicklung, wie sie derzeit auch im Kunst- und Kreativquartier am Blumengroßmarkt durchgesetzt wird – in zähem Kampf gegen die herrschende Liegenschaftspolitik des Höchstgebots.

Für bildende Kunst oder freies Theater fehlt eine zentrale Anlaufstelle

Selbst der Kunstmythos von Mitte entstand in den Neunzigern nicht von selbst, sondern auch durch Eigeninitiative der Leiterin des Kulturbüros für dezentrale Kulturarbeit im Kulturamt Mitte, Dolly Leupold, die Projekten kurzfristig Räume zuwies. Mit dem Musicboard hat Tim Renner eine zentrale Förderinstitution für die Musikwirtschaft mit angestoßen. Für die bildende Kunst oder das freie Theater fehlt bislang eine zentrale Anlaufstelle, die durch das Gestrüpp aus Ämtern, Regeln, Fördertöpfen und nutzbaren Räumen helfen könnte. Von einer kleinteiligen Förderpolitik im Zusammenspiel mit einer groß denkenden Stadtentwicklungspolitik hat die freie Kunst langfristig mehr als von Leuchttürmen wie einer Kunsthalle oder der Berlin Art Week. Wer ein Biotop zum Stadtpark umbauen will, landet am Ende in der Wüste.

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