Kultur : Neuer Markt: Suche nach Werten

Catherine Hoffmann

Es war eine große Illusion, der viele erlegen sind: die Illusion vom schnellen Geld. Am Neuen Markt schien der Traum Wirklichkeit zu werden. Die junge deutsche Börse für Wachstumswerte hat viele reich gemacht: Anleger und Analysten, Banken und die Börse, nicht zu vergessen die Unternehmensgründer, die den Gang aufs Parkett wagten. Für so manchen Firmenchef war der Geldsegen, den ein Börsengang versprach, allerdings auch der einzige Geschäftszweck - zum Leidwesen der Aktionäre. Gerissene Manager verkauften große Aktienpakete nicht selten nahe dem Höchstkurs. So clever waren wohl nur die wenigsten Privatinvestoren.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst hat, um sich von diesem hoch riskanten Marktsegment zu verabschieden, den hat der Neue Markt arm gemacht. Einst klangvolle Unternehmenstitel wie die Merchandisingfirma EM.TV, die Software-Schmiede Intershop oder der Telekomdienstleister Teldafax floppten mit einem Verlust von 97 Prozent und mehr in den vergangenen zwölf Monaten. Eine Insolvenzwelle überrollt derzeit die Börse. Erste Titel wurden vom Kurszettel gestrichen. Händler spotten bereits, dass der Nemax-50, der 50 ausgewählte Unternehmen des Neuen Marktes zusammenfasst, bald zum Nemax-12 verkommt.

Gewaltiges Kursrisiko

Fluchtartig verlassen viele Klein- und Großanleger den Neuen Markt, der seit Wochen immer neuen Tiefstständen entgegentaumelt. Nach einem fantastischen Kursanstieg von unter 1000 auf weit über 8000 Punkte in gerade einmal drei Jahren, brach der Nemax All Share Index seit dem Gipfelpunkt am 10. März 2000 um 85 Prozent ein. Viele Neuaktionäre, die der Verlockung dreistelliger Renditen pro Jahr nicht widerstehen konnten, übersahen in ihrer Gier und Ahnungslosigkeit das gewaltige Kursrisiko, das sie eingingen.

Jetzt überziehen enttäuschte Investoren die Skandalunternehmen mit Klagen. Viele Firmenchefs sollen Anleger und Analysten nach Strich und Faden betrogen haben, behaupten die Anwälte der Geschädigten. Sie fordern ihr verlorenes Geld zurück. Betrügereien und die Baisse, wie Börsianer den anhaltenden Kursverfall nennen, haben aber nicht nur die Illusion vom schnellen Geld zerstört. Auch das Vertrauen der Anleger wurde verspielt - und nicht nur ihres.

Die verbliebenen soliden Unternehmen denken ebenfalls über Alternativen zum Neuen Markt nach - ein Warnsignal an Investoren und die Deutsche Börse: Die Telefongesellschaft Mobilcom, der Pionier der deutschen Wachstumsbörse, und der Maschinenbauer Singulus, die beide im Auswahlindex Nemax-50 gelistet sind, drohen wegen des Imageverlustes mit dem Rückzug vom Neuen Markt. Wenn die wenigen Qualitätsunternehmen dem Segment nicht länger die Treue halten, bleiben bald nur noch Pleitekandidaten übrig und der Markt gerät endgültig zum Spielball der Zocker. "Dann ist das Segment nicht mehr zu retten und kann umbenannt werden in insolvenz.com", sagt ein Aktienhändler.

Der Neue Markt auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit? Nein, sagt Michael Fraikin, Fondsmanager bei Invesco Asset Management Deutschland. "Der Neue Markt ist in seinem Bestand nicht gefährdet", beruhigt der Profi verstörte Anleger. "Die Deutsche Börse wird tun, was möglich ist, um das Segment zu beleben und seinen Ruf zu verbessern." Lange Zeit wollten die notorischen Zweckoptimisten unter den Profis das Debakel nicht zur Kenntnis nehmen. Banken, Fondsmanager, die Deutsche Börse und die Aufsichtsbehörden haben dem Niedergang bis vor kurzem tatenlos zugesehen. Jetzt werden die Schuldigen für den Vermögens- und Ansehensverlust gesucht.

Selbst bereinigen

Die Deutsche Börse prüft derzeit Möglichkeiten, das Regelwerk um den Punkt "Delisting von Penny-Stocks" zu erweitern. Gemeint ist der Ausschluss von Niedrigpreis-Aktien - im Fachjargon "Penny-Stocks". Das soll seriöse Unternehmen davon abhalten, dem Neuen Markt den Rücken zu kehren. Wassili Papas, Fondsmanager bei Union Investment, ist skeptisch, ob schärfere Vorschriften allein helfen. Grundsätzlich solle sich der Markt eher selbst bereinigen. Seiner Meinung nach werden in den kommenden zwölf bis 24 Monaten auch beim gültigen Regelwerk 50 bis 100 Unternehmen verschwinden. Danach könne sich der Neue Markt wieder erholen, vorausgesetzt die Konjunktur springe wieder an.

Was tun? "Unternehmen, die sich fundamental schlecht entwickeln, müssen verkauft werden", empfiehlt Anlageprofi Fraikin. Von Unternehmen, deren Ergebnisse in den vergangenen drei Quartalen enttäuscht hätten, sollten Anleger die Finger lassen. "Das ist ein Roulettespiel - mit dem Unterschied, dass man beim Roulette eine faire Chance hat." Ein Investment in Neue-Markt-Aktien sei nicht mit einem Engagement bei Siemens, BASF oder der Deutschen Telekom zu vergleichen, wo man darauf hoffen dürfe, dass sich die Fehler des Managements schon irgendwie reparieren lassen. "Bei kleineren Gesellschaften werden Schwierigkeiten schnell existenzbedrohend", warnt der Fondsmanager. Wer an einer Gigabell- oder Refugium-Aktie festhält, der befriedigt bestenfalls seinen Spieltrieb.

Es gibt aber auch Aktien, die in den vergangenen Tagen weniger verloren haben als der gesamte Neue Markt - oftmals aus gutem Grund: Die Unternehmen sind nicht überschuldet, haben ein ausgezeichnetes Management, verbuchen Gewinne und nicht zuletzt sind ihre Aktien inzwischen wieder halbwegs fair bewertet. Wer einen der so genannten weißen Raben, wie die Qualitätsaktien am Neuen Markt auch heißen, sein eigen nennt, sollte ihn jetzt nicht mehr verkaufen. "Die Chancen nach oben sind inzwischen wesentlich größer als die Risiken nach unten", ist Fraikin überzeugt.

Die Aktionäre von Titeln wie Aixtron, Medion, Parsytec, Qiagen und Singulus, die gemeinhin als solide Unternehmen gelten, dürfen also aufatmen. Wann der Neue Markt wieder den Höchststand von mehr als 8559 Punkten erreicht, steht aber in den Sternen. Kurzfristig kann es durchaus noch tiefer gehen.

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