Neuer Musikchef : Komische Oper: Wir schaffen das

Vor der „Traviata“-Premiere: Ein Porträt des neuen Musikchefs der Komischen Oper, Carl St. Clair.

Frederik Hanssen
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Carl St. Clair.Foto: Marco Borggreve

Für viele Dirigenten ist es durchaus von Vorteil, dass sie mit dem Rücken zum Saal arbeiten. Nicht so für Carl St. Clair: Wenn der Mann mit der silbrig schimmernden Vokuhila-Frisur seinem Publikum in die Augen schaut, hat er im Handumdrehen auch alle Herzen gewonnen. Im Umgang mit seinen Mitmenschen strahlt St. Clair eine Wärme und eine Offenheit aus, die weit über das Klischee von der professionellen amerikanischen Freundlichkeit hinausgeht. Wie er bei seinem ersten Kinderkonzert am vergangenen Sonntag in schallendes Gelächter ausbricht, wie er die Kleinen direkt anspricht, das wirkt schlicht entwaffnend. Immer wieder mischt er sich in die Moderation der Theaterpädagogin Anne-Kathrin Ostrop ein, sprüht vor Begeisterung für Antonin Dvoraks „Sinfonie aus der Neuen Welt“. Musik eines alten Europäers über seine Heimat, die USA.

Das ist genau St. Clairs Stück: Der Sohn deutsch-böhmischer Einwanderer wurde in dem 36-Seelen-Dorf Hochheim in Texas geboren, aber in seinen Adern fließt auch Cherokee-Indianerblut. Er liebt die Kulturtraditionen Zentraleuropas genauso innig wie sein Lehrer Leonard Bernstein – aber er hat vom größten Crooner des Klassikbusiness auch viel gelernt über Kommunikation. Über den Kontakt mit Zuhörern ebenso wie mit Musikern. So unterscheidet er beispielsweise zwischen „Augen-„ und „Ohrenorchestern“: Im ersten Fall starren die Musiker die ganze Zeit den Dirigenten an, im zweiten empfinden sie sich als autonome Individuen, die freiwillig in einen Dialog mit ihren Kollegen treten. Keine Frage, was Carl St. Clair höher schätzt.

Die Bereitschaft, aufeinander zu hören, hat er im Orchester der Komischen Oper gefunden – und sich darum entschlossen, seinen erst 2005 angetretenen Vertrag bei der Staatskapelle Weimar vorzeitig aufzugeben und nach Berlin zu wechseln. Der 54-Jährige hat einen Sechs-Jahres-Vertrag in der Tasche, wird mindestens sechs Monate pro Saison präsent sein und 58 Abende dirigieren.

An der Komischen Oper allerdings tritt er ein schweres Erbe an. Sein Vorgänger Kirill Petrenko ist eine Jahrhundertbegabung, der 26-jährig schon Musikchef in Meiningen war, 2002 in die Hauptstadt kam, fünf aufregende Jahre blieb und heute an allen bedeutenden Häusern der Welt arbeitet. Im Vergleich zu diesem Überflieger aus Omsk hat Carl St. Clair bisher eine eher solide Karriere hingelegt: Nach dem Studium vier Jahre Assistenzdirigent beim Boston Symphony Orchestra, anschließend Jobs in der Universitätsstadt Ann Arbor und beim Cayuga Chamber Orchestra. Seit 1990 ist er Direktor des Pacific Symphony Orchestra in Orange County, dem Millionärsdistrikt vor den Toren von Los Angeles. Vor 17 Jahren begann er auch in Deutschland zu dirigieren, zunächst vor allem in Stuttgart, bevor er dann die Stelle in Weimar angeboten bekam und mit Frau und Kindern nach Thüringen zog.

Inzwischen haben die St. Clairs eine Wohnung in Berlin gefunden – und viele neue Freunde. Künstlerisch befindet sich der neue Chefdirigent der Komischen Oper allerdings noch in der Aufwärmphase, die Kritiker-Reaktionen auf seine bisherigen Auftritte fielen eher durchwachsen aus. Wenn er sich an diesem Sonntag nun an Verdis „La Traviata“ wagt, könnte es sich für Carl St. Clair als hilfreich erweisen, dass die Musik in der Behrenstraße nicht immer im Vordergrund steht. Vor allem, wenn ein Mann wie Hans Neuenfels Regie führt, der dafür verehrt wird, dass er Gesellschaftskritik und Sinnlichkeit zu einer wuchtigen Bildsprache zu verbinden weiß. Im Windschatten solcher szenischer Zurichtungen, die alle Zuschaueraufmerksamkeit auf sich ziehen, kann der freundliche Texaner in Ruhe an dem Klangideal feilen, das ihm vorschwebt. Bis er ans Ziel gelangt, mögen durchaus ein, zwei Jahre vergehen. Dirigenten, die kommen, sehen und sofort siegen, kann man an einer Hand abzählen. Pragmatische Teamworker wie St. Clair ziehen es vor, gemeinsam mit dem Orchester langsam zur organischen Einheit zusammenzuwachsen. Good luck, Häuptling Silbermähne!

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