Neuer Roman von Dan Brown : Eine kleine Höllenkunde

Reiseführer und Biothriller: Dan Brown spielt in „Inferno“ mit Dante-Motiven und preist die wunderbare Macht der Gentechnik.

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Dan Brown
Dan BrownFoto: dpa

Es braucht gut 100 Seiten und die Lösung einiger kriminalistischer Rätsel, bis auch Dan Browns Lieblingshelden, dem Kunsthistoriker, Symbologen und Harvard-Professor Robert Langdon, klar wird, was die Leser schon lange vor der weltweiten Veröffentlichung von Browns Roman „Inferno“ am Dienstag wussten, aus dem Internet und sonst woher: dass alle Wege, die ihm aus der Bredouille helfen, zunächst nur über Dante Alighieri und dessen „Göttliche Komödie“ führen. Was sich gut fügt, ist Langdon doch ausgewiesener Dante-Experte, „und so war es nicht verwunderlich, dass man ihn gelegentlich hinzurief, um die große Zahl von Symbolen in Dantes Werken zu interpretieren“.

Genauso wenig verwunderlich ist, dass Brown seinem mit Dantes Werk vermutlich nicht so bewanderten Millionenpublikum via Langdon eine kleine Dante-Einführung bietet, inklusive Höllenkunde und Biografie. Er erwähnt auch, welche großen Künstler sich seit Veröffentlichung der „Göttlichen Komödie“ vor sieben Jahrhunderten damit beschäftigt haben, Marx, Balzac oder Borges, Monteverdi, Wagner oder Puccini, Rodin oder Loreena McKennitt: „Selbst in der modernen Welt der Videospiele und iPad-Apps gab es keinen Mangel an Produkten, die auf Dante verwiesen.“ Nun begibt sich also auch Dan Brown in diese Ahnen- und Produktreihe – wobei Dante zwar für den Titel, das Motto, den Handlungsaufhänger und einige schöne Bilder des Romans sorgt, aber nach gut der Hälfte keine große Rolle mehr spielt.

„Die heißesten Orte sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.“ Dieses Zitat, das Brown in der „Göttlichen Komödie“ gefunden hat, ist das Leitmotiv des Romanbösewichts, einem genialen Biowissenschaftler namens Bertrand Zobrist, der gegen die Überbevölkerung des Planeten vorgehen will, um die Menschheit zu retten. Er steht im Verdacht, einen pathogenen Keim entwickelt zu haben, der die Weltbevölkerung erheblich dezimiert, wie seinerzeit die Pest. Zobrist ist schon tot, als der Roman einsetzt. Aber Langdon, eine Medizinerin mit einem IQ von über 200, ein sogenanntes Konsortium und die Leiterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind intensivst auf der Suche nach diesem Keim. Und aus dem kunsthistorischen, an James-Bond-Filme gemahnenden Rätselkrimi (mit genauso vielen Gemälden wie Yachten, Privatjets, Motorrädern und Drohnen) wird mehr und mehr ein Bioterror- und Biogenetikthriller, in dem einige der Protagonisten ihre Rollen wechseln, um dann in einer Grauzone von Gut und Böse zu agieren.

„Inferno“ fehlt es zwar an stilistischer Brillanz, selbstredend „gefriert“ da häufig „Blut in den Adern“, wird „geschmunzelt“ oder „stockt“ jemandem „vor Schreck das Herz“. Auch das Personal ist trotz der Rollenwechsel nicht mit viel psychologischem Tiefgang ausgestattet. An Rasanz aber, das kennt man von Dan Brown, lässt die Handlung kaum etwas zu wünschen übrig: 104 zumeist mit einem Cliffhanger endende Kapitel zählt der fast 700-seitige Roman. Die Protagonisten, allen voran natürlich Robert Langdon, sind ständig in Bewegung oder auf der Flucht, in Florenz, Venedig und Istanbul, den drei Hauptschauplätzen.

Bei aller Rasanz schafft Brown es, die Schauplätze mit Hingabe und Detailfreude auszupinseln. In manchen Passagen erinnert „Inferno“ sehr an einen Reise- und Kulturführer. Anders als bei Dante darf sich hier aber jeder Leser fast wie zu Hause fühlen. Kaum eine Touristenattraktion fehlt, in Florenz sind es unter anderem die Piazza della Signoria, der Palazzo Pitti, der Palazzo Vecchio oder das Baptisterium, in Venedig der Markusplatz mitsamt Dom, in Istanbul die Hagia Sophia, die Galata-Brücke und der Gewürzmarkt.

Hier verlieren sich Browns Helden oft im Gewühl der Touristen – oder es bietet ihnen Schutz – , hier landen sie in unterirdischen Gängen und Zisternen. Letztlich folgt die Schauplatzwahl einer inhaltlichen Logik. Dan Brown verstärkt so seine Dante-Motivik und verweist auf die idealen Angriffsziele für Bioterroristen, zu denen Bertrand Zobrist aber nur bedingt zu zählen ist. „Bertrand hat die Menschheit mit grenzenlosem Optimismus betrachtet“, weiß die superkluge Medizinerin gegen Ende. „Er war Transhumanist und überzeugt, dass wir an der Schwelle zu einer glänzenden posthumanen Zukunft leben, einer Epoche wahrhafter Transformation. (...) Er hat die wunderbare Macht der Technologie begriffen und war überzeugt, dass sich unsere Spezies im Verlauf weniger Generationen vollkommen verändern würde – dass sie genetisch verbessert, gesünder klüger stärker, sogar mitfühlender werden würde.“ Allerdings glaubte Zobrist, dass es so weit nicht mehr kommen würde, und zeugte dann kein Bakterium, sondern einen die Fruchtbarkeit der Menschen beeinflussenden Virus, auf dass sich nur noch ein Drittel der Menschheit vermehren könne. Natürlich darf so ein Virus nicht in die falschen Hände fallen; seine eigenmächtige Entwicklung hat etwas übel Gottgleiches.

Und doch ist die Botschaft, die Brown aussendet, so klar wie streitbar. Die Gentechnik ist ein Segen für die Menschheit, „der natürliche Lauf der Dinge“. Ein Mann wie Zobrist ist folglich „das Produkt von jahrhundertelanger Weiterentwicklung des menschlichen Intellekts“. Nur gut, dass Langdon sich am Ende an so etwas Profanem wie seiner Mickey-Mouse-Uhr erfreuen und in einer alten Dante-Taschenbuchausgabe blättern kann. Gerrit Bartels

Dan Brown: Inferno. Roman. Aus dem Amerikanischen von Axel Merz und Rainer Schumacher. Gustav-LübbeVerlag, Köln 2013. 683 Seiten, 26 €.

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