Neuer Roman von Robert Menasse : 28 Freunde wollen wir sein

Zwischen Brüssel und Auschwitz: Robert Menasses Europa-Roman „Die Hauptstadt“ ist für den Buchpreis nominiert.

Paul Michael Lützeler
Rüssel für Brüssel. Ferkel aus Niedersachsen. Auch um sie kann, wie Robert Menasse zeigt, in der Europäischen Union heftig gestritten werden.
Rüssel für Brüssel. Ferkel aus Niedersachsen. Auch um sie kann, wie Robert Menasse zeigt, in der Europäischen Union heftig...Foto: picture alliance / dpa

Es gibt zwei Europa-Romane, die immer noch gelesen werden. Sie erschienen wenige Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg: Romain Rollands „Jean-Christophe“ wurde zwischen 1904 und 1912 publiziert, Thomas Manns „Der Zauberberg“ 1924. Rolland zeigt die wachsende Freundschaft zwischen einem jungen Franzosen und einem gleichaltrigen Deutschen. Das Buch, gegen die Revanchepläne Frankreichs und das Dominanzstreben Deutschlands geschrieben, ist ein Plädoyer für eine konstruktive Zusammenarbeit der beiden Staaten, die gemeinsam das Wohl des Kontinents befördern könnten. Es endet jedoch mit der düsteren Voraussage, dass sich die beiden verfeindeten Länder bald Europa ruinierende Schlachten liefern werden.

Thomas Manns Roman wurde nach der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) geschrieben. Mit dem Bild vom Sanatorium, in dem sich Vertreter der unterschiedlichen europäischen Länder kurieren wollen, hat Thomas Mann eine Metapher gefunden, die es erlaubt, auf ironische Weise Differenzen und Gemeinsamkeiten festzuhalten, die beim Schwanken der Patienten zwischen der Krankheit zum Tode und der Sehnsucht nach Überwindung des Unbehagens in der Kultur auszumachen sind. Hier weicht der europäische Kosmopolitismus einem nationalistischen Fanatismus, wenn man am Schluss in den Großen Krieg ausbricht.

Eine Therapie hat er nicht

Robert Menasse ist ein engagierter Europäer. Es gibt derzeit keinen deutschsprachigen Autor, der sich wie er so entschieden für die Stärkung des europäischen Vereinigungsprojekts einsetzt. Er ist ein ausgesprochener Anti-Nationalist, und in dem Essayband „Der Europäische Landbote“ von 2012 warb er für ein Europa, das ohne Nationen auskommt, das sich vielmehr aus der Kooperation zwischen kontinentaler Zentralmacht und den vielen Regionen Europas ergeben sollte. Die Idee fand wenig Zustimmung. Die Befürworter des EU-Europas weisen mit Recht darauf hin, dass das im Vertrag von Maastricht verankerte Subsidiaritätsprinzip allen politischen Einheiten in Europa ihre abgestufte Eigenständigkeit belässt: den Gemeinden, den Regionen, den Nationen, wobei es sich versteht, dass die genuin europäischen Belange zunehmend in die Kompetenz der Europäischen Union fallen.

In seinem neuen Roman packt Menasse das Europa-Thema subtiler und umsichtiger an, und er verzichtet auf das Empfehlen einer Therapie, die das Leiden der Europäischen Union an der Macht der Mitgliedsstaaten aus einem Punkt kurieren will. „Die Hauptstadt“ ist einer der bestgeschriebenen Romane der Gegenwart, ein Buch, das zeigt, was der Autor von den Meistern des modernen Romans seit Émile Zola gelernt hat: von Joyce und Broch, Döblin und Grass, Musil und Doderer. Es ist die von Michail Bachtin analysierte Dialogik, die auch diesen Roman auszeichnet: Ganz unterschiedliche, ja gegenläufige Positionen werden von einer Reihe von Protagonisten mit differierenden Erfahrungen und Zielen, Ideologien und Intentionen vertreten.

Personen statt Strukturen

Die erprobte Technik der Parallelerzählung bewährt sich erneut und schafft einen leserfreundlichen Spannungsbogen. Es ist gleichzeitig etwas Neues, das hier geschaffen wird: „Die Hauptstadt“ ist nicht nur der Roman einer Metropole, in dem das heutige Brüssel literarisch vergegenwärtigt wird; erzählt wird von der supranationalen Verwaltung der Europäischen Union. Die politologischen Bücher über die EU sind durchweg wenig inspirierend, weil sie abstrakt etwas über den Bürokratieapparat sagen wollen. Dieses Wissen bleibt bei Menasse keineswegs außen vor, wird aber wie nebenbei vermittelt, weil er Personen mit ihren Passionen, Skurrilitäten, Erinnerungen, Krankheiten, Komplexen, mit ihren rationalen wie irrationalen Entschlüssen zeigt.

Robert Menasse
Robert MenasseFoto: dpa

Wie die legendären Protagonisten des europäischen Romans der Moderne wird man auch Menasses Figuren nicht vergessen: David de Vriend, den flämischen Überlebenden von Auschwitz; Kai-Uwe Frigge, den deutschen Büroleiter in der mächtigen Generaldirektion Handel; Fenia Xenopoulou, die aus Zypern stammende Direktionsleiterin in der machtlosen Generaldirektion Kultur; Matek Oswiecki, den polnischen Auftragskiller aus religiöser Hörigkeit; Alois Erhart, den österreichischen Wirtschaftstheoretiker; Émile Brunfaut, den ehrenwerten Brüsseler Polizeikommissar; Romolo Strozzi, den italienischen Erben eines großen Namens und Kabinettchef des Kommissionspräsidenten; George Morland, den nationalistischen Briten als hohen Agrar-Bürokraten; schließlich die gegensätzlichen österreichischen Brüder Florian Susman (Schweinezüchter und Präsident des entsprechenden europäischen Berufsverbandes) und Martin Susman (Abteilungsleiter in der Generaldirektion Kultur).

Das Scheitern des Schweineplans

Die Europäer in der EU werden im internen Clinch mit den Vertretern nationaler Interessen gezeigt. Das Fallbeispiel: der Schweinehandel. In ihren Einflussbereichen wollen Kai-Uwe Frigge und Florian Susman den Außenhandel mit Borstenvieh und Schweinespeck kontinental organisieren (von besonderem Interesse ist hier China als Abnehmer), doch scheitern sie an den englischen und ungarischen Gegnern des Plans.

„Die Hauptstadt“ trägt auch Züge eines Krimis. Es gibt allerdings am Ende keine Antwort auf die Frage nach dem Täter. Matek Oswiecki bringt die falsche Person um, und Émile Brunfaut soll den Mord aufklären. Der Fall wird ihm jedoch entzogen: Hohe Stellen weisen ihn an, in der Sache nicht weiter zu recherchieren. Seine Aufklärungsarbeit auf eigene Faust scheitert, wobei er sich auch keinen Reim zu machen weiß auf das Hausschwein, das wie eine Wildsau durch Brüssels Europa-Distrikt rast, und das auf geheimnisvolle Weise mit dem Mord in Zusammenhang zu stehen scheint.

Alois Erhart hat nach dem Krieg als junger Assistent noch den Europa-Enthusiasmus erlebt, wie er für die frühen Treffen des Forum Alpbach in Tirol bezeichnend war. Er ist Anti-Nationalist geblieben und favorisiert die Integration Europas nicht nur als Ökonom. Er argumentiert mit der geschichtlichen Erfahrung, wenn er in einem Thinktank der EU – dem ansonsten nur Status-quo-Denker angehören – dafür plädiert, eine neue Hauptstadt Europas zu bauen, und zwar in Auschwitz. Damit dringt er nicht durch. Aber um die Vergegenwärtigung des „Zivilisationsbruchs“ (Dan Diner), den Auschwitz bedeutet, geht es auch Martin Susman, der seinen Landsmann Erhart nie trifft.

Von Auschwitz nach Brüssel

Das Leben besteht auch im EU-Brüssel aus Parallelwelten und -aktionen. Susman macht sich – ein Auftrag seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou – Gedanken darüber, wie man den 60. Geburtstag der Kommission im Jahr 2017 begehen könnte. Während der Arbeit an dem Projekt nimmt er an einer offiziellen Reise nach Auschwitz teil. Sie gibt den Anstoß zu seinem Plan, die Geburtstagsfeier in Brüssel als Gedenktag für Auschwitz zu gestalten. Die Kommission als Konkretisierung der Europa-Idee sei ohne die Überlebenden der Konzentrationslager nicht denkbar. Sie vor allem hätten nach ihrer Befreiung sich für Internationalismus und Menschenrecht, für Menschenwürde und den Frieden in Europa eingesetzt. Die Zeugenschaft der noch lebenden ehemaligen Häftlinge soll den Mittelpunkt der Feier ausmachen.

Das Problem ist, dass es keine Organisation gibt, die Susman die Namen dieser Überlebenden mitteilen könnte. David de Vriend ist vergessen. Er entschied sich nach dem Krieg für den Lehrerberuf und arbeitete dann für die europäische Bewegung. Gerade ist er pensioniert worden. Ausgerechnet in dem Moment, als Susman und seine Mitarbeiter auf ihn als Zeitzeugen aufmerksam werden, kommt er bei einem terroristischen Anschlag, der nicht ihm persönlich gilt, ums Leben. Romolo Strozzi und George Morland wollen unabhängig voneinander von der Umfunktionierung der Geburtstagsfeier in ein Auschwitz-Gedenken nichts wissen. Sie mobilisieren Vertreter der Nationen, die Auschwitz zu einer deutschen Schuld, keineswegs jedoch zu einem europäischen Problem erklärt haben wollen. Susmanns Plan wird ad acta gelegt.

Die Europa-Idee ist älter

Der Widerstand gegen das Dritte Reich in den europäischen Ländern spielt in den Lebensgeschichten einer Reihe von Romanfiguren eine Rolle, bei anderen dagegen die Verstrickung der Eltern oder Großeltern in die faschistische beziehungsweise nationalsozialistische Partei. Es gehört zu den Stärken des Romans, dass die nationale wie kontinentale Schuld des Hitler-Regimes immer mitbedacht wird. Dabei fällt auf, dass im Horizont des Romans das europäische Bewusstsein sich erst in der Gegnerschaft zum NS-Regime zu entwickeln beginnt. Aber die Europa-Idee ist viel älter.

Nach allen großen kontinentalen Kriegen der Neuzeit tauchte sie auf, angefangen beim Herzog von Sully im Dreißigjährigen Krieg bis nach 1918 bei Richard Coudenhove-Kalergi, der ein Zeitgenosse von Romain Rolland und Thomas Mann war. Auch Saint-Pierre, Saint-Simon, Victor Hugo, Heinrich Mann haben ihre konkreten Utopien von der Schaffung einer europäischen Föderation publiziert. Sie wussten, dass Europa sich nie dem Diktat eines Einzelstaates beugt, wenn es um seine Vereinigung geht. Das wiederum ist eine Einsicht, die auch Robert Menasse vermittelt.

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp, Berlin 2017. 459 Seiten, 24 €.

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