Neuer Tanz in Berlin : Philosophie in den Sophiensälen

Die Tanztage Berlin zeigen Neues aus der Off-Szene – und Stücke aus Teheran

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Gedankenspiele. Die Choreografin Maria Walser
Gedankenspiele. Die Choreografin Maria WalserFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Vor dem Kassenhäuschen der Sophiensäle stehen die Zuschauer geduldig in der Schlange, trotz der Minustemperaturen. Wer ein Ticket ergattert hat, muss zum Teil im Treppenhaus warten. Bei der Eröffnung der Tanztage Berlin 2017 herrscht wie immer großer Andrang.

Die Tanztage bieten das wichtigste Forum für den choreografischen Nachwuchs. Doch es sind keineswegs nur Anfänger, die sich hier vorstellen. Die künstlerische Leiterin Anna Mülter setzt zum Start des Festivals auf zwei erfahrene Tänzer. Maria Walser, die an den Staatstheatern Nürnberg und Oldenburg engagiert war, versteht sich als Grenzgängerin zwischen Tanz und Schauspiel. Der Amerikaner Marquet K. Lee hat beim renommierten Ballett am Rhein in Düsseldorf und Dortmund getanzt.

Ein Schwein, das sich als Philosoph entpuppt – mit einer lustigen Maskerade lässt Maria Walser ihr hintersinniges Stück „What a Thought is not“ beginnen. Eigentlich handelt es sich bei der Kreatur, die hier ein Gedankenexperiment anstößt, um eine Kreuzung aus Pinguin und Schwein. Das Duo ist von dem französischen Meisterdenker Jean Baudrillard beeinflusst, der mit seiner Theorie vom Verschwinden des Realen bekannt wurde. Doch Maria Walser nähert sich dessen Ideen nicht mit tierischem Ernst. Der Dialog mit Emma Tricard, die sich einen Katzenkopf aufgesetzt hat, driftet gleich ins Absurde ab.

Der alltägliche Kapitalismus

Doch ist es, so demonstrieren die Tänzerinnen mit spielerischer Lust, gar nicht so leicht, sich aus den alten Denk- und Bewegungsmustern zu befreien. Eine leichte Konfusion zu stiften, das ist die Absicht der beiden Philosophieschülerinnen, die sich zwischen Sinn und Unsinn bewegen. Ihnen gelingen nicht nur hübsche gedankliche Pirouetten, sie begeistern auch mit ihrem Witz und Charme.

Tanz den Kapitalismus. Darum geht es in dem Stück mit dem Titel ohne Worte „(....)“ von Marquet K. Lee, der an der Fordham University und der Ailey School in New York studierte. Die beiden Tänzerinnen Rachel Elliot und Ruby Wilson agieren anfangs hinter einer Jalousie, die auch als Leinwand für die Videos von Nico Niermann dient.

Die beiden Frauen, die nervös an ihrer Business-Kluft zupfen, verkörpern die Aufsteigerin, die stets eine tolle berufliche Performance hinlegen will. Auf begrenztem Raum verausgaben die beiden sich mit weit ausgreifenden Bewegungen und kommen sich dabei in die Quere. Sie sind leistungsbereit bis zum Anschlag, doch mehr und mehr entgleitet ihnen die Kontrolle über ihren Körper. Jeden Morgen begeben die Frauen sich in dieselbe Tretmühle. Leistungsdruck, Konkurrenz, Entfremdung, Isolation: Dem werden Naturbilder gegenübergestellt, Bäume, Wasser und ein schwimmender Schwan. Die Gesellschaftskritik kommt hier doch arg plakativ daher.

Bis zum 15. Januar präsentieren die Tanztage Berlin ein abwechslungsreiches internationales Programm, das ganz unterschiedliche Ästhetiken vereint. Das Festival beweist zudem, dass der Kulturaustausch mit Teheran gelingen kann. Die fünf iranischen Choreografen, die in Berlin ihre Arbeiten präsentieren, haben alle am Invisible Center of Contemporary Dance in Teheran studiert, das 2010 von Mohammad Abbasi gegründet wurde, um dem im Iran offiziell verbotenen zeitgenössischen Tanz eine Plattform zu geben. Reizvoll könnte die Begegnung mit dem Stück „La terre de l’autre“ von Niloufar Shahisavandi und Solmaz Sajadieh sein. Die aus dem Iran stammenden Tänzerinnen, die beide in Frankreich studiert haben und auch soziologisch beschlagen sind, setzen sich mit dem westlichen Individualismus auseinander und versuchen sich mit dem Gedanken anzufreunden, nicht in jeder Hinsicht einzigartig zu sein.

Der westlichen Ästhetik setzt der Syrer Akiles eine andere Auffassung von Tanz entgegen. In „The Parallel Side of the Road“ hat er seine Erfahrungen als Geflüchteter verarbeitet. Zudem versucht er, dem Tanz wieder eine spirituelle Dimension zu geben.

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