Neueröffnung des Museums für Kunst und Kultur Münster : Offen für Neues

Glück gehabt: Münster hat jetzt für 50 Millionen Euro einen Museumsneubau direkt am Domplatz. Das Berliner Büro Staab Architekten kombiniert den Neorenaissance-Altbau von 1908 mit einem lichten Bau.

Uta M. Reindl
Der Anbau von Staab Architekten in Münster.
Aus Alt mach Neu: Der Anbau von Staab Architekten in Münster.Foto: Christian Richters

Endlich hat auch Münster ein Museumsquartier – mit dem nach zehn Jahren Planung und fünf Jahren Bauzeit wieder eröffneten Museum für Kunst und Kultur des Landschaftsverbandes Westfalen- Lippe. Während in Berlin seit Jahren über die Raumnot bei der Kunst der Moderne debattiert wird und die Finanzierung eines Erweiterungsbaus für die Neue Nationalgalerie eine noch ungeklärte Frage ist, gelingt es so manchem Landesmuseum, das Platzproblem für ihre Bestände des 20. und 21. Jahrhunderts zu lösen. Auch in Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe und Hannover gibt es neue Ergänzungsbauten für die Moderne oder werden demnächst eröffnet.

Das neue Museum in Münster sorgt in seinem postmodernen Gewand außerdem für eine urbane Neubewertung der unmittelbaren Nachbarschaft, es verleiht dem Museumsareal am Domplatz in der Altstadt mit seinen sechs benachbarten, teils in historischen Bauten untergebrachten Sammlungen einen metropolitanen Akzent. Auf spektakuläre Weise fügen sich der Neorenaissance-Altbau von 1908 und der neue Flügel zusammen.

Offenheit ist die Devise: Auf zwei Seiten gibt es breite Zugänge, die die Schwelle zwischen öffentlichem Raum und Museum abbauen sollen. Die großzügigen Entrees und das in seiner Schlichtheit und Höhe imposante Foyer im Inneren des Hauses verführen zu neugierigen Blicken. Das 14 Meter hohe, lichtdurchflutete Foyer soll auch Ort der Kommunikation, der Information, der Unterhaltung sein, so die Idee des Berliner Architekten Volker Staab. Nicht von ungefähr ist das Gebäude von Innenhöfen geprägt: Staab Architekten, die Museumsneubauten in Nürnberg, Schweinfurt und Ahrenshoop schufen, haben sich in ihrer Heimatstadt nicht zuletzt mit Hofgestaltungen eine Namen gemacht.

7500 Quadratmeter, 51 Räume, 300.000 Exponate

Der 50 Millionen Euro teure Umbau vergrößert die Ausstellungsfläche um 1800 auf 7500 Quadratmeter, mit 51 Räumen. Über 300 000 Exponate umfasst die Sammlung: Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Möbel, Münzen, Kunsthandwerk, Plakate, Landkarten. Westfälische Landesgeschichte, aber eben auch Werke der Moderne, Kirchner, Macke, Nolde und Franz Marc. Der Besucher erwandert zunächst die Geschichte der Region. Schließlich hieß das Haus bis 2007 noch Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. Die neue Präsentation überzeugt durch eine gelungene Verquickung von Geschichte und freier wie angewandter Kunst in mitunter verspielten Inszenierungen: im ersten Stock vom Mittelalter bis zur Moderne, im zweiten bis zur zeitgenössischen Kunst.

Das über drei Meter große Bockhorster Triumphkreuz aus dem 12. Jahrhundert auf eisblauer Wand eröffnet in der ersten Etage den Rundgang durch die Räume bis zur Moderne, die in intensiver Farbigkeit gehalten sind und sich stets auf die ausgestellten Werke beziehen. Eine Gruppe mittelalterlicher Pietà-Skulpturen ist auf lila Stelen im Zentrum eines tiefroten Raums platziert. Ein ausgestopfter Kugelfisch liefert Anschauungsmaterial zu den barocken Stillleben an den Wänden dar. Gelegentlich erklingt Musik aus der jeweiligen Epoche der gezeigten Werke. Ein eher fragwürdiger Ansatz, glaubt man sich doch berieselt wie von Kaufhausmusik.

Ein Highlight: der Macke-Raum

Das Museum hat seine Stärke, wo es mit Blickführungen, Sichtachsen spielt. Im Entree wird der Blick des Besuchers dramatisch nach oben zum Triumphkreuz gelenkt. Auf dem Weg in die zweite Etage eröffnet sich plötzlich die Sicht nach unten auf die hölzerne Christusfigur. Eine Überraschung erlebt der Besucher auch in der Mittelalter-Abteilung in der Gebäudespitze, in der die rundum ansichtigen Skulpturen vom Portal der Kirche St. Maria Überwasser mit einem Blick nach draußen aufs Münster korrespondieren.

Ein Highlight auf dem Weg zur zeitgenössischen Kunst im zweiten Stock stellt der Macke-Raum dar, weitere Schwerpunkte bieten das Informell und die kleine monografische Präsentation mit Lichtinstallationen von Otto Piene. Angesichts der starken Ouvertüre im blauem Entree enttäuscht jedoch, dass im weiteren Verlauf den Bauhaus-Künstlern und der Abteilung zum Thema „Farbe“ nur ein schmaler Raum vorbehalten ist und einige Werke etwas abseits untergebracht sind.

Für Münster bedeutet der Museumsneubau eine Chance

Der Lichthof hatte zunächst für Auseinandersetzungen gesorgt. Kritiker wollten das Foyer größer bauen lassen und dafür auf einen offenen Innenhof verzichten. Der Architekt aber setzte sich durch. Nun ist hier die „Münsteranerin“ der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist zu sehen. Sie spielt darin mit tanzenden Blumen und deren menschlichen Zügen, mit Wasser, Strand, Lippen und Luftaufnahmen von Münster. Bei der zeitgenössischen Kunst finden sich im großen Saal mit famosem Blick auf den Domplatz dann Werke von Anthony Caro, Morris Louis, Richard Serra, Frank Stella – Fotografie und Videokunst kommen etwas zu kurz. Eng auch der Raum für die Bilder von Rosemarie Trockel und Gerhard Richter, generös dagegen der Saal mit Nam June Paiks „The Mongolian Tent“. Das Dachlattenkreuz von Georg Herold mit dem Titel „Hoffen Beten Glauben“ (2005) beschließt den mit einem spätmittelalterlichen Kreuz begonnenen Rundgang.

Für Münster bedeutet der Museumsneubau eine Chance, denn er wurde vom Landschaftsverband, der übergreifende kommunale Aufgaben übernimmt, trotz klammer öffentlicher Kassen mit Steuermitteln errichtet. Museumsdirektor Hermann Arnhold ist sich sicher, dass diese Entscheidung heute so nicht mehr getroffen würde. „Da haben wir Glück gehabt“, sagt er. Allerdings sei der abgerissene Erweiterungsbau aus den 70er Jahren auch nicht mehr tragbar gewesen, verschlang er doch jährlich 250 000 Euro an Renovierungskosten. Ob die Münsteraner das Museum als Teil des öffentlichen Raums annehmen? Während der Öffnungszeiten sind die Türen auf der Nord- und Südseite geöffnet. Wer durch das Gebäude zum Markt auf den Domplatz gehen will, braucht keine Eintrittskarte.

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Domplatz Münster, Di – So 10 – 18 Uhr, jeden 2. Fr im Monat bis 22 Uhr, Infos: www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/

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